Fußreise in Seeland
Den 31. Mai 1800 um 11½ Uhr gingen wir vom Hause, an
den Beinen gestiefelt, jeder mit einem trockenen Hemde und Paar
Strümpfen in Vorrat versehen. So wie wir nur die Nase zum
Tor hinaus steckten, wurden wir eine Armee ansichtig. Ich weiß
nicht, ob andre hier nicht gleich die Flucht ergriffen hätten,
wir aber kehrten uns an nichts, und betrachteten mit Vergnügen,
wie sie ihre furchtbaren Manöver machten. Einige lagen im
Graben und schliefen, die sollten nach unserer Einsicht wohl
die Toten und Verwundeten vorstellen. Die Vorposten, sobald sie
uns erblickten, stießen zum Hauptcorps, wir hörten
trommeln und pfeifen, und einige Regimenter mehr wurden auf uns
zu beordert. Da suchten wir denn unsre Force im Abzuge zu beweisen,
und nahmen bald wahr, wie die salzigen Fluten des Baltischen
Meeres die Küste mit Schlamm bedeckten, welcher nach Homer
herbe Gerüche verbreitet. Die See war weit hinaus mit Schiffen
bedeckt, und Kopenhagen nahm sich von dieser Seite sehr gut aus.
Jetzo nahte sich uns ein Flüchtling, den wir seinem Äußern
nach bald für einen Hund erkannten und ihn in unsern Schutz
nahmen. Die Kalkbrennerei verbreitete Steinkohlengeruch und Schwefeldämpfe.
(...)
Hier ist übrigens gleich der Garten von Charlottenlund mit
ausnehmend lieblichem Gehölz, und die schönen Gegenden
Seeland's nehmen hier ihren Anfang. Einige Schiffe segeln mit
unsern Schritten in die Wette; und Pluvius läßt seinen
vollen Segen auf uns niederfließen, welcher jedoch das
Grün des Grases und der Bäume belebte. Die Sonne schien
matt zwischen den dicken Wolken auf das Meer hin und brachte
die schönste Wirkung hervor, die jemals ein Maler kann festgezaubert
haben. Eine Viertelmeile weiter trafen wir in Skovshoved ein:
Es versorgt Kopenhagen mit Fisch,
Und ladet seine jungen Herren zu Tisch;
Doch nach Punsch
Vergeh' ihnen der Wunsch,
Denn der ist äußerst schlecht;
Aber Spickgans eben recht.
Auch kann euch in seinem Garten
Der Wirt mit Tee aufwarten;
Und blickt man höher vom Haus,
Nimmt Hveen gewaltig sich aus. -
Meer entlang
Tönt so unser Gesang.
Mit einemmale war der Hund weg; wir riefen, wir schalten,
und wir pfiffen, aber alles vergebens: diese Undankbarkeit schlug
unseren weichen Herzen eine tiefe Wunde. (...)
Bellevue grenzt hier an, und schon der Name spricht die Eigenschaft
aus. Es wird von Kopenhagen aus heftig besucht, besonders mit,
weil hier der Eingang vom Tiergarten ist.
Klampenborg. Hier fanden wir die rundblättrige Pappel; auch
einige Flores Danici, wovon ich vielleicht einige Zeichnungen
liefere. Wo nicht, muß ich die Leser auf die "Flora
Danica" verweisen, herausgegeben von Professor Wahl in Kopenhagen,
wo sie sie alle sehen können. Das Werk, will man es illuminiert
haben, muß einige Jahre vorher bestellt werden; es sind
21 Bände heraus, jeder kostet 8 Rthlr. Dänisch Courant
und meine Kommission ist 3 Prozent, ich empfehle mich dazu einem
geehrten Publikum. - Torbek ist auch sehr hübsch, aber noch
hübscher Annebierg. Hier erhebt sich der Weg etwas hoch
am Ufer. Sehr guter Ackerboden, und man düngt mit Seetang.
Es endigt sich hier der Tiergarten.
Wir betrachteten, wie die Sonne, die kurz vorher, und rund um
sich her auch noch, von dicken Regenwolken überzogen war,
sich mitten über dem Meer eine etwas dünnere Stelle
wie ein Loch hineingeschienen hatte. Sie warf ein weiß
glänzendes Licht auf die Küste der Insel Hveen, ferner
ein etwas blässeres auf die Schwedische Küste; einige
weiße Segel wurden hell beleuchtet. Die ganze Natur schien
den einen Punkt wie in Triumph hervorzuheben; alles trat in einen
schwärzlichen Wolkenschatten zurück, und nur dieses
Einzelne war wie durch Vorsatz unbeschreiblich schön und
stark erhellt. Wir begriffen jetzt, wie Heß die unvergleichliche
Beleuchtung seiner Schweizergegenden gefunden und der Natur äußerst
treu geblieben; sie ahmte hier dieses reizende Licht sehr genau
nach. - Die Eremitage sahen wir etwas landeinwärts auf einer
Anhöhe liegen. Der Weg schlägt sich etwas vom Ufer
ab, und geht durch Bäume und zwischen Gärten hin. Bei
Scottsborg hebt sich das Ufer höher und man kommt durch
das Dorf wieder unten an den Strand. Die Rücksicht nach
dem Ausgange des Dorfes ist äußerst malerisch: Man
hat im Vorgrunde eine kleine Fischerhütte mit Gerät
und große Steine, hinter diesen Scottsborg, wo die hohen
Bäume bald die Häuser verstecken, bald zur Hälfte
von ihnen bedeckt werden; hinter dem Dorf das hohe Ufer, links
das Meer, und noch die Türme von Kopenhagen.
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