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Deutsche Spuren in Kopenhagen
Text 12
Philipp Otto Runge (1777 - 1820)
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Fußreise in Seeland

Den 31. Mai 1800 um 11½ Uhr gingen wir vom Hause, an den Beinen gestiefelt, jeder mit einem trockenen Hemde und Paar Strümpfen in Vorrat versehen. So wie wir nur die Nase zum Tor hinaus steckten, wurden wir eine Armee ansichtig. Ich weiß nicht, ob andre hier nicht gleich die Flucht ergriffen hätten, wir aber kehrten uns an nichts, und betrachteten mit Vergnügen, wie sie ihre furchtbaren Manöver machten. Einige lagen im Graben und schliefen, die sollten nach unserer Einsicht wohl die Toten und Verwundeten vorstellen. Die Vorposten, sobald sie uns erblickten, stießen zum Hauptcorps, wir hörten trommeln und pfeifen, und einige Regimenter mehr wurden auf uns zu beordert. Da suchten wir denn unsre Force im Abzuge zu beweisen, und nahmen bald wahr, wie die salzigen Fluten des Baltischen Meeres die Küste mit Schlamm bedeckten, welcher nach Homer herbe Gerüche verbreitet. Die See war weit hinaus mit Schiffen bedeckt, und Kopenhagen nahm sich von dieser Seite sehr gut aus.
Jetzo nahte sich uns ein Flüchtling, den wir seinem Äußern nach bald für einen Hund erkannten und ihn in unsern Schutz nahmen. Die Kalkbrennerei verbreitete Steinkohlengeruch und Schwefeldämpfe. (...)
Hier ist übrigens gleich der Garten von Charlottenlund mit ausnehmend lieblichem Gehölz, und die schönen Gegenden Seeland's nehmen hier ihren Anfang. Einige Schiffe segeln mit unsern Schritten in die Wette; und Pluvius läßt seinen vollen Segen auf uns niederfließen, welcher jedoch das Grün des Grases und der Bäume belebte. Die Sonne schien matt zwischen den dicken Wolken auf das Meer hin und brachte die schönste Wirkung hervor, die jemals ein Maler kann festgezaubert haben. Eine Viertelmeile weiter trafen wir in Skovshoved ein:

Es versorgt Kopenhagen mit Fisch,
Und ladet seine jungen Herren zu Tisch;
Doch nach Punsch
Vergeh' ihnen der Wunsch,
Denn der ist äußerst schlecht;
Aber Spickgans eben recht.
Auch kann euch in seinem Garten
Der Wirt mit Tee aufwarten;
Und blickt man höher vom Haus,
Nimmt Hveen gewaltig sich aus. -
Meer entlang
Tönt so unser Gesang.

Mit einemmale war der Hund weg; wir riefen, wir schalten, und wir pfiffen, aber alles vergebens: diese Undankbarkeit schlug unseren weichen Herzen eine tiefe Wunde. (...)
Bellevue grenzt hier an, und schon der Name spricht die Eigenschaft aus. Es wird von Kopenhagen aus heftig besucht, besonders mit, weil hier der Eingang vom Tiergarten ist.
Klampenborg. Hier fanden wir die rundblättrige Pappel; auch einige Flores Danici, wovon ich vielleicht einige Zeichnungen liefere. Wo nicht, muß ich die Leser auf die "Flora Danica" verweisen, herausgegeben von Professor Wahl in Kopenhagen, wo sie sie alle sehen können. Das Werk, will man es illuminiert haben, muß einige Jahre vorher bestellt werden; es sind 21 Bände heraus, jeder kostet 8 Rthlr. Dänisch Courant und meine Kommission ist 3 Prozent, ich empfehle mich dazu einem geehrten Publikum. - Torbek ist auch sehr hübsch, aber noch hübscher Annebierg. Hier erhebt sich der Weg etwas hoch am Ufer. Sehr guter Ackerboden, und man düngt mit Seetang. Es endigt sich hier der Tiergarten.
Wir betrachteten, wie die Sonne, die kurz vorher, und rund um sich her auch noch, von dicken Regenwolken überzogen war, sich mitten über dem Meer eine etwas dünnere Stelle wie ein Loch hineingeschienen hatte. Sie warf ein weiß glänzendes Licht auf die Küste der Insel Hveen, ferner ein etwas blässeres auf die Schwedische Küste; einige weiße Segel wurden hell beleuchtet. Die ganze Natur schien den einen Punkt wie in Triumph hervorzuheben; alles trat in einen schwärzlichen Wolkenschatten zurück, und nur dieses Einzelne war wie durch Vorsatz unbeschreiblich schön und stark erhellt. Wir begriffen jetzt, wie Heß die unvergleichliche Beleuchtung seiner Schweizergegenden gefunden und der Natur äußerst treu geblieben; sie ahmte hier dieses reizende Licht sehr genau nach. - Die Eremitage sahen wir etwas landeinwärts auf einer Anhöhe liegen. Der Weg schlägt sich etwas vom Ufer ab, und geht durch Bäume und zwischen Gärten hin. Bei Scottsborg hebt sich das Ufer höher und man kommt durch das Dorf wieder unten an den Strand. Die Rücksicht nach dem Ausgange des Dorfes ist äußerst malerisch: Man hat im Vorgrunde eine kleine Fischerhütte mit Gerät und große Steine, hinter diesen Scottsborg, wo die hohen Bäume bald die Häuser verstecken, bald zur Hälfte von ihnen bedeckt werden; hinter dem Dorf das hohe Ufer, links das Meer, und noch die Türme von Kopenhagen.