Das Rudern
Allein auf dem geliebten Gartenhause wurden alle Fesseln abgeworfen,
da lief ich ohne Poschen noch Reifrock, mit geflochtenem Haar
und dem leichten Spohnhute freudig umher. Die Lecktüren
im Bonnet wurden fortgesetzt, und die unversiegbare Quelle des
Trostes und der reinsten Freuden meines Daseyns durch den geliebten
Vater immer aus tieferem Herzensgrunde emporgehoben, und in sanften
Silverfäden befruchtend durch das Leben geleitet.
Ich war eine schwärmerische Anhängerin der dänischen
Marine, und alles, auf See und Wasserwesen Bezug hatte, war so
recht mein Leben. Im Frühlinge wurden wir immer von meines
Bruders treuem Beschützer, dem edlen Grafen und Admiral
Adam von Moltke, einige Male auf das Kriegschiff, welches er
nun eben commandierte, geladen. Wie fröhlich schwebte ich
da auf der eleganten, pfeilschnell von 16 Ruderern dahin getriebenen
Schaluppe, über das hellblaue Meer dem majestätischen
74 Kanonenschiffe zu, von herrlicher Musik begleitet und empfangen!
Da glänzte alles von Ordnung, Reinlichkeit, Wohlsein und
Eleganz! Da war zuseilen bei schönem stillen Wetter auf
dem Verdecke ein Tänzchen gemacht, und zwar ohne Fischbeinrock;
denn mit dem ersten Mai legte ich all´ das Unwesen ab,
und kein Mensch hätte es mir vor dem ersten November wieder
angebracht.
Meines Vaters Garten lag zwischen dem Oster und Norderthore,
näher dem ersten, an einem freundlichen kleinen Landsee,
der Peblingersee genannt. Die Lage war wirklich recht anmutig
und die Aussicht schön zu nennen. Denn aus den Fenstern
des Hauses blickten wir den Osten über den (damals!!) lebenwimmelnden
Sund auf die Küste von Schonen hinüber, wo mir mit
einem mäßigen Telescope die Bewohner ihr Korn einärndten,
und oft die Bauerfrauen vor ihren Häusern ihr fleißiges
Wesen treiben sahen. Im Süden zeigten die schattigen Wälle
und die Thurmperspective von Kopenhagen sich recht prächtig.
Gen Westen aber blickten wir über den spiegelnden Landsee,
seine grünenendumbüschen Ufer mit Landhäusern,
Fabriken und Bleichen belebt, eine sanftsteigende Höhe hinan,
welche das königliche Luft- und Residenzschloß Friedrichsberg
krönt und mit seinen Gärten bedeckt.
Da ward ein kleines gutes Boot angeschafft, und Friederike, die
Seeliebhaberin, erhält Unterricht im Rudern vom Admiral
Adam Moltke selbst, und macht ihrem Lehrer so viel Ehre, durch
Behendigkeit und Stärke, daß sie oft Vater, Mutter
und Schwester Stundenlang allein herum rudert. Das war nun wieder
ein neuer Jammerquell für die liebe Mutter. Anfangs ließ
sie sich das Herumschweben ohne Müh (denn sie liebte nicht,
sich Bewegung zu machen) wohl gefallen, allein bald erschien
Blasen an meinen Händen, welche drohten sich zu Schwielen
zu verhärten! Allein die Friederike hatte nun einmal einen
Ueberschwang von Leben, dem nicht zu steuern war: "laß
sie machen, (sagte der Vater) sie wird noch früh genug zahm
werden!"
Eine meiner größten Seligkeiten war mit dem Vater
bei aufsteigendem Gewitter am See, aber lieber noch am nicht
fernen Meergestade zu wandeln, wenn die Wogen braußten
und brandeten, und die Donnerschläge festlich darein hall´ten!
Ungegründete Frucht hatte er mir benommen und sie wahre
ist selten gegründet. Mein Lebenlang ist mir ein festliches
Gefühl, ein lebendiger Anklang dieser Stunden in der Seele
geblieben! "Mit feurigen Rossen Elias gen Himmel geführt
zu werden," erklärte mein frommer Vater immer für
den seligsten Tod! Auch mir ertönt die Stimme des Herrn
immer im Donner, wie dem Oedipus auf Colonas, in Sophokles unsterblichem
Meisterwerke.
|