INDEX
 
Deutsche Spuren in Kopenhagen
Text 22
Friederike Brun (1765 - 1835)
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TEXT 21

TEXT 23


Ernst und Emilie

 

Jetzt waren auch die Stollberge (Geschwister der Gräfin Bernstorff) dem trauten Kreise der Familie Schimmelmann und Reventlau zugesellt, welcher so lange in innigster Uebereinstimmung der Gesinnungen und treuer Freundschaft vereint, zum Wohl des beneidungswürdig glücklichen Dänemarks zusammenwirkte.
Um diese Zeit mag es gewesen seyn, als ich zuerst Ernst Schimmelmann kennen lernte; dessen ganzes Wesen auf mich einen so unerlöschlichen tiefen Eindruck machte. Es waren von den mir bekannten Geschwistern dieses Hauses nur die Schwestern schön. Allein Ernst Schimmelmann hatte in seiner Phisiognomie einen so hohen Ausdruck; un jedes seiner Worte zeugte von einer so tief- und zartempfindenden Seele; und dieses vereint mit einer beinah weiblichen ihm ganz eigenen, schüchternstolzen Grazie, macht ihn in meinen Augen unwiderstehlich liebenswürdig - ich erklärte dies meiner alten Gewohnheit nach, laut; ja ich behauptete sogar, ich fände ihn schöner, als alle die männlichen Modepuppen, welche damals am meisten im Gange waren. Graf Schimmelmanns Schwester (die schöne Karoline, jetzt verheiratete Gräfin von Boudissin) hinterbringt dem geliebten Bruder neckend, "dass ein junges munteres Mädchen, ihn schöner fände, als alle eleganten Herren der Stadt." Nun lernte er auch mich kennen, denn bis dahin hatte er das kleine grüne Ding wohl kaum beachtet; und Ernst Schimmelmann war und blieb mein Ideal hoher und zarter Seelenwürde, auf das geistigste, durch den ganzen menschlichen Habitus ausgesprochen. Er lebte damals mit der trauten Gattin auf dem romantischen Landsitze Seeluft, ein seliges Leben der Liebe! Da sah ich den Engel Emilie wieder; Sie erkannte mich schnell, wie ich den edlen Gemahl; und zog mich liebend unwiderstehlich an sich, mit den Banden jener süßen Sympathie, welche mir schon aus ihrem ersten Blicke entgegenstrahlte. Ich war in ihrer Nähe immer vor Wonne körperlos, und fühlte mich gleichsam schwebend. Einsmals (es war im Frühherbste des Jahres 1779) war ich auf einem Spaziergange, nach und nach von ohngefähr mit Emilie zurück geblieben, und sie setzte sich auf eine Bank nieder, an einer Stelle, wo der Blick über wallende Baumwipfel ins blaue Meer taucht, und die Insel Hween und Schonens Küste so herrlich erscheint. Da sank ich von unnennbar süßem und heiligem Gefühle durchdrungen neben ihr auf die Kniee, legte mein Köpfchen auf ihren Schooß, und ergoß in himmlichen Thränen das unaussprechliche Sehnen der Seele nach ihr! Sie hob mein Haupt an ihre Brust, und mich sanft an sich drücken, thaute auch sie himmliche Thr¨åanen auf meine Stirne herab, leise flüsternd - "Friederike, ich habe dich sehr lieb!"
Ich habe Sie nie wieder gesehen! Denn im Oktober begann die furchtbare Krankheit, welche sie uns raubte. -