Ernst und Emilie
Jetzt waren auch die Stollberge (Geschwister der Gräfin
Bernstorff) dem trauten Kreise der Familie Schimmelmann und Reventlau
zugesellt, welcher so lange in innigster Uebereinstimmung der
Gesinnungen und treuer Freundschaft vereint, zum Wohl des beneidungswürdig
glücklichen Dänemarks zusammenwirkte.
Um diese Zeit mag es gewesen seyn, als ich zuerst Ernst Schimmelmann
kennen lernte; dessen ganzes Wesen auf mich einen so unerlöschlichen
tiefen Eindruck machte. Es waren von den mir bekannten Geschwistern
dieses Hauses nur die Schwestern schön. Allein Ernst Schimmelmann
hatte in seiner Phisiognomie einen so hohen Ausdruck; un jedes
seiner Worte zeugte von einer so tief- und zartempfindenden Seele;
und dieses vereint mit einer beinah weiblichen ihm ganz eigenen,
schüchternstolzen Grazie, macht ihn in meinen Augen unwiderstehlich
liebenswürdig - ich erklärte dies meiner alten Gewohnheit
nach, laut; ja ich behauptete sogar, ich fände ihn schöner,
als alle die männlichen Modepuppen, welche damals am meisten
im Gange waren. Graf Schimmelmanns Schwester (die schöne
Karoline, jetzt verheiratete Gräfin von Boudissin) hinterbringt
dem geliebten Bruder neckend, "dass ein junges munteres
Mädchen, ihn schöner fände, als alle eleganten
Herren der Stadt." Nun lernte er auch mich kennen, denn
bis dahin hatte er das kleine grüne Ding wohl kaum beachtet;
und Ernst Schimmelmann war und blieb mein Ideal hoher und zarter
Seelenwürde, auf das geistigste, durch den ganzen menschlichen
Habitus ausgesprochen. Er lebte damals mit der trauten Gattin
auf dem romantischen Landsitze Seeluft, ein seliges Leben der
Liebe! Da sah ich den Engel Emilie wieder; Sie erkannte mich
schnell, wie ich den edlen Gemahl; und zog mich liebend unwiderstehlich
an sich, mit den Banden jener süßen Sympathie, welche
mir schon aus ihrem ersten Blicke entgegenstrahlte. Ich war in
ihrer Nähe immer vor Wonne körperlos, und fühlte
mich gleichsam schwebend. Einsmals (es war im Frühherbste
des Jahres 1779) war ich auf einem Spaziergange, nach und nach
von ohngefähr mit Emilie zurück geblieben, und sie
setzte sich auf eine Bank nieder, an einer Stelle, wo der Blick
über wallende Baumwipfel ins blaue Meer taucht, und die
Insel Hween und Schonens Küste so herrlich erscheint. Da
sank ich von unnennbar süßem und heiligem Gefühle
durchdrungen neben ihr auf die Kniee, legte mein Köpfchen
auf ihren Schooß, und ergoß in himmlichen Thränen
das unaussprechliche Sehnen der Seele nach ihr! Sie hob mein
Haupt an ihre Brust, und mich sanft an sich drücken, thaute
auch sie himmliche Thr¨åanen auf meine Stirne herab,
leise flüsternd - "Friederike, ich habe dich sehr lieb!"
Ich habe Sie nie wieder gesehen! Denn im Oktober begann die furchtbare
Krankheit, welche sie uns raubte. -
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