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Deutsche Spuren in Kopenhagen
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Walter Kolbenhoff (geb. 1908)
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Begegnungen auf Langelinie

Niets hatte mir gesagt, ich müsse, wenn ich Kopenhagen wirklich erleben wollte, unbedingt Langelinie sehen: "Eine Promenade den Sund entlang, da, wo die kleine Meerjungfrau auf einem Stein sitzt." Aber es vergingen Wochen, ehe ich hinging. Ganz warm war es plötzlich in Kopenhagen geworden, der Himmel war blau, beinahe so blau wie im Süden, und es roch nach allen möglichen Sträuchern und Blumen. Nun sind vielleicht im Verlauf der Jahrzehnte Millionen Touristen denselben Weg gegangen, sie haben die bezaubernde Skulptur auf dem Stein im Wasser sitzen sehen; sich über den herrlichen Sund mit den Schiffen und Segelbooten gefreut und indem großen Restaurant am Ende der Promenade etwas zu sich genommen. Aber ich bin davon überzeugt, daß keiner von ihnen dort zwei solche Erlebnisse innerhalb weniger Minuten hatte wie ich.
Das erste: Da saß zwischen den Spaziergängern auf einer der Bänke, in einen dicken Mantel gehüllt und mit einer Wollmütze auf dem Kopf, ein alter weißhaariger Mann und starrte auf das Wasser. Ich blieb stehen und sah zu ihm hin. Es war Philipp Scheidemann, der an die siebzig sein mußte, der Sozialdemokrat Scheidemann, der im Jahre 1918 die erste deutsche Republik ausgerufen hatte. Es war für mich ein schockartiges, ein atemberaubendes Erlebnis, ihn zu sehen. In mir kämpften zwei Gefühle:
"Da sitzt er", dachte ich, "der Arbeiterverräter, der Sozialfaschist, der Mann, der mitverantwortlich war für den Tod ungezählter Genossen, die 1919 im Kampf gegen die Nosketruppen und die Freicorps für Spartakus gefallen waren - jene Banden, die Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg heimtückisch umgebracht hatten. Der Mann, dem es mit seinen Henkersknechten gelungen war, die deutsche, die wahre Revolution blutig niederzuschlagen, der vielleicht sogar ein Wegbereiter Hitlers war, da sitzt er, ein Greis, der, auch wenn er es gewollt hätte, das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen konnte. Es war zu spät, die deutschen Arbeiter waren geschlagen und, zum Teil, zum Feind übergelaufen."
Dann überkam mich so etwas wie Mitleid: "Auch er also, der einst so mächtige Mann mußte, wie viele tausend andere, sein Land verlassen, um den neuen Henkersknechten zu entgehen. Es war ihm gelungen. Er hatte Glück gehabt, der Philipp Scheidemann. Er hat Glück gehabt! Da sitzt er nun, starrt auf das Wasser. Armer alter Mann. Denkt er über sein Leben nach? Gibt er sich Rechenschaft darüber, was er in seinem Leben falsch gemacht hat? Glaubt er immer noch, daß der Weg, den er 1918 eingeschlagen hat, der richtige war?" Ich mochte nicht in seiner Haut stecken. Mich überfiel eine große Traurigkeit.
Ich schlich um seine Bank, ich sah nicht mehr hin zu ihm, als ich ging. Im Jahre 1919, als er auf den Stufen des Alten Museums stand und die Republik ausrief, war ich elf Jahre alt gewesen. Als die Genossen aus unseren Straßen ,ölen, kaum älter. Dennoch haßte und verachtete ich die? Mann nicht mehr, der dort auf der Bank saß. Uns Urband in dieser Stunde das gleiche Schicksal.
Wenige Augenblicke später, kaum zweihundert Meter entfernt, wurde ich plötzlich angerufen. Ein Mann, der mit ´ner schönen blonden Frau auf einer der nächsten Bänke saß rief: "Mensch, Walter! Wie kommst du ausgerechnet hierher? Setz dich zu uns und erzähle!"
Es war Wilhelm Reich mit einer Freundin. Die Flucht war also auch ihm gelungen. Ich glaube, die Nazis hätten viel dafür gegeben, wenn er ihnen nicht durch die Lappen gegangen wäre. Wilhelm Reich war Jude, Kommunist, Psychoanalytiker, Schüler von Sigmund Freud. Er war 15o in ihren Augen dreifach "entartet", wie sie es nannten. (...) Und jetzt saß er hier.
Als erstes sagte ich: "Nicht weit von hier sitzt ein hohes Tier der SPD, Philipp Scheidemann."
"Derselbe, der die Republik ausgerufen hat?"
"Derselbe."
Und jetzt, vielleicht zum ersten Mal, wurde mir bewußt, wie Wilhelm Reich auf etwas reagierte, das ihn nicht unmittelbar interessierte: "So, Scheidemann, laß ihn sitzen", sagte er und fuhr fort: "Welche von den Genossen hast du er getroffen? Sind welche von der Berliner Gruppe dabei? Trefft ihr euch öfter?"
"Ich bin erst kurze Zeit hier."
"Und wo wohnst du?"
"Ich habe noch kein festes Quartier."

"Das bringen wir sofort in Ordnung."
(...) Wir gingen den Weg zurück, den ich allein gekommen war. Ich sah den alten Mann mit dem weißen Haar noch immer auf der Bank sitzen und auf das Wasser starren.