Nyhavn
Und jetzt kam ich in die dänische Hauptstadt Kopenhagen,
"Kongens By", wie die Leute da oben sagen, Stadt de
Königs. Nur war ich nicht freiwillig hergekommen. Diese
Mal war ich auf der Flucht, eine höhere Instanz hatte über
mich bestimmt.
Es war diesig, als wir im Kopenhagener Hafen einliefen ich konnte
von der Stadt nichts sehen. Dann ging ich durch, schöne
alte Straßen, aber wohin? Ich fand schließlich den
kleinen Hafen Nyhavn, vielleicht hatte mich mein Instinkt geführt.
Solchen kleinen Häfen hatte seit jeher meine Liebe gehört,
sie rochen nach Teer, Fisch und Meer und hatten in mir immer
neue Sehnsucht nach neuen Fernen erweckt.
Jetzt lag etwas zwischen mir und meiner Sehnsucht: ich hatte
mich bei meiner Partei zu melden, und die würde dann entscheiden,
was ich zu tun hatte. Aber konnte ich damit nicht bis morgen
warten? Ich ging in eine der Kellerkneipen, in denen Seeleute
und Huren saßen, und bestellte mir etwas zu essen.
"Womit zahlen Sie?" fragte der Kellner.
"Holländische Gulden."
"Geht in Ordnung."
"Kann man bei Ihnen auch schlafen?" fragte ich.
"Haben Sie Ausweispapiere?"
Er sah sich flüchtig meinen Paß an und sagte: "Wir
haben oben noch ein Zimmer mit zwei Betten. In dem einen schläft
schon einer. Wenn Sie wollen..."
Ich saß nicht lange allein. Einer der Männer, die
da an ihren Tischen hockten, kam und setzte sich zu mir. Es war
ein ziemlicher Brocken, Heizer vielleicht oder Schauermann. Er
hatte seine Bierflasche mitgebracht und prostete mir zu "Du
kommst aus Deutschland, nicht wahr?" Er sprach Deutsch mit
leichtem skandinavischen Tonfall. "Wie sieht's denn da so
aus?"
Da ich den Mann nicht kannte, gab ich ihm nur vage Antworten:
Wie soll es aussehen? Kalt ist es wie hier. Oder: Den Umständen
entsprechend. Was man so sagt, wenn man mit Fremden zusammensitzt
und keinen Ärger haben will.
"So, so", sagte er. "Und die holländischen
Gulden?"
"Ist das hierzulande verboten, holländische Gulden
zu haben?"
"Hör mal zu, mein Junge", sagte er gar nicht mehr
so freundlich, "du willst hier schlafen, hast kein Gepäck,
bist, wie ich deinen Händen ansehen kann, auch kein Seemann
oder Hafenarbeiter und hockst dich ausgerechnet in diese Kneipe.
Vielleicht erzählst du mir mal, was du hier zu suchen hast,
wohl'n bißchen spitzeln?"
Das ging zu weit. Ich erzählte ihm, was mit mir los wäre
und was in den letzten Tagen geschehen sei. Er hörte aufmerksam
zu, sein Gesicht wurde zunehmend freundlicher. Dann sagte er:
"Du bist der erste Emigrant, den ich kennenlerne. Warst
du schon bei der Partei?"
"Was denn - du auch?"
"Ich bin Obmann der Hafenarbeitergewerkschaft", sagte
er nicht ohne Stolz. "Nenn mich Niels. Wir haben heute Frühschicht
gehabt, deshalb sitze ich schon hier."
Er drehte sich um, sagte etwas, und viele kamen an unseren Tisch.
Er erzählte ihnen, was ich für einer sei, und sie hoben
die Bierflaschen und riefen "skål!" Hier war
ich also in guter Gesellschaft. Alle waren sie mächtige
Kerle mit Händen, denen man ansah, daß sie zupacken
mußten.
Bald entwickelte sich ein kleiner Streit, weil jeder meine Rechnung
bezahlen wollte oder, wenn das nicht in Frage käme, ob ich
dann wenigstens bei einem von ihnen übernachten würde.
Mein erster dänischer Bekannter, Niels also, sagte, er habe
das Vorrecht, also müsse ich bei ihm schlafen. Wir einigten
uns schließlich, daß ich das Zimmer nähme, das
ich beim Wirt bereits bestellt hatte, und es war eine Weile Ruhe.
Wenn ein paar Dänen beisammensitzen und sich streiten, muß
man aufpassen, daß man nicht anfängt zu lachen. Das
erste Mal Dänisch zu hören ist für jeden Ausländer
komisch. Da gibt es so unmögliche Laute wie in keiner anderen
Sprache, glaube ich, und es dauert eine Zeitlang, bis man sich
daran gewöhnt hat, noch länger, bis man sie zu lieben
beginnt.
Diese Männer in der Kellerkneipe stritten sich in einem
mir unverständlichen Idiom erneut. Aber ich kapierte, daß
es wieder um mein Wohlergehen ging; wie sich herausstellte, darum,
bei wem ich am nächsten Tag zu Mittag essen sollte. Aber
ich konnte noch nicht über den nächsten Tag entscheiden,
und sie ließen sich auf später vertrösten.
Es wurde ein lustiger Abend, und ich weiß bis heute noch
nicht, wie ich ins Bett gekommen bin. Niels hatte mir eine Adresse
zugesteckt, ehe er mich hinaufbrachte. Ich wußte, wohin
ich am nächsten Vormittag erst einmal zu gehen hatte.
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