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Deutsche Spuren in Kopenhagen
Text 6
Walter Kolbenhoff (geb. 1908)
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Nyhavn


Und jetzt kam ich in die dänische Hauptstadt Kopenhagen, "Kongens By", wie die Leute da oben sagen, Stadt de Königs. Nur war ich nicht freiwillig hergekommen. Diese Mal war ich auf der Flucht, eine höhere Instanz hatte über mich bestimmt.
Es war diesig, als wir im Kopenhagener Hafen einliefen ich konnte von der Stadt nichts sehen. Dann ging ich durch, schöne alte Straßen, aber wohin? Ich fand schließlich den kleinen Hafen Nyhavn, vielleicht hatte mich mein Instinkt geführt. Solchen kleinen Häfen hatte seit jeher meine Liebe gehört, sie rochen nach Teer, Fisch und Meer und hatten in mir immer neue Sehnsucht nach neuen Fernen erweckt.
Jetzt lag etwas zwischen mir und meiner Sehnsucht: ich hatte mich bei meiner Partei zu melden, und die würde dann entscheiden, was ich zu tun hatte. Aber konnte ich damit nicht bis morgen warten? Ich ging in eine der Kellerkneipen, in denen Seeleute und Huren saßen, und bestellte mir etwas zu essen.
"Womit zahlen Sie?" fragte der Kellner.
"Holländische Gulden."
"Geht in Ordnung."
"Kann man bei Ihnen auch schlafen?" fragte ich.
"Haben Sie Ausweispapiere?"
Er sah sich flüchtig meinen Paß an und sagte: "Wir haben oben noch ein Zimmer mit zwei Betten. In dem einen schläft schon einer. Wenn Sie wollen..."
Ich saß nicht lange allein. Einer der Männer, die da an ihren Tischen hockten, kam und setzte sich zu mir. Es war ein ziemlicher Brocken, Heizer vielleicht oder Schauermann. Er hatte seine Bierflasche mitgebracht und prostete mir zu "Du kommst aus Deutschland, nicht wahr?" Er sprach Deutsch mit leichtem skandinavischen Tonfall. "Wie sieht's denn da so aus?"
Da ich den Mann nicht kannte, gab ich ihm nur vage Antworten: Wie soll es aussehen? Kalt ist es wie hier. Oder: Den Umständen entsprechend. Was man so sagt, wenn man mit Fremden zusammensitzt und keinen Ärger haben will.
"So, so", sagte er. "Und die holländischen Gulden?"
"Ist das hierzulande verboten, holländische Gulden zu haben?"
"Hör mal zu, mein Junge", sagte er gar nicht mehr so freundlich, "du willst hier schlafen, hast kein Gepäck, bist, wie ich deinen Händen ansehen kann, auch kein Seemann oder Hafenarbeiter und hockst dich ausgerechnet in diese Kneipe. Vielleicht erzählst du mir mal, was du hier zu suchen hast, wohl'n bißchen spitzeln?"
Das ging zu weit. Ich erzählte ihm, was mit mir los wäre und was in den letzten Tagen geschehen sei. Er hörte aufmerksam zu, sein Gesicht wurde zunehmend freundlicher. Dann sagte er: "Du bist der erste Emigrant, den ich kennenlerne. Warst du schon bei der Partei?"
"Was denn - du auch?"
"Ich bin Obmann der Hafenarbeitergewerkschaft", sagte er nicht ohne Stolz. "Nenn mich Niels. Wir haben heute Frühschicht gehabt, deshalb sitze ich schon hier."
Er drehte sich um, sagte etwas, und viele kamen an unseren Tisch. Er erzählte ihnen, was ich für einer sei, und sie hoben die Bierflaschen und riefen "skål!" Hier war ich also in guter Gesellschaft. Alle waren sie mächtige Kerle mit Händen, denen man ansah, daß sie zupacken mußten.
Bald entwickelte sich ein kleiner Streit, weil jeder meine Rechnung bezahlen wollte oder, wenn das nicht in Frage käme, ob ich dann wenigstens bei einem von ihnen übernachten würde. Mein erster dänischer Bekannter, Niels also, sagte, er habe das Vorrecht, also müsse ich bei ihm schlafen. Wir einigten uns schließlich, daß ich das Zimmer nähme, das ich beim Wirt bereits bestellt hatte, und es war eine Weile Ruhe.
Wenn ein paar Dänen beisammensitzen und sich streiten, muß man aufpassen, daß man nicht anfängt zu lachen. Das erste Mal Dänisch zu hören ist für jeden Ausländer komisch. Da gibt es so unmögliche Laute wie in keiner anderen Sprache, glaube ich, und es dauert eine Zeitlang, bis man sich daran gewöhnt hat, noch länger, bis man sie zu lieben beginnt.
Diese Männer in der Kellerkneipe stritten sich in einem mir unverständlichen Idiom erneut. Aber ich kapierte, daß es wieder um mein Wohlergehen ging; wie sich herausstellte, darum, bei wem ich am nächsten Tag zu Mittag essen sollte. Aber ich konnte noch nicht über den nächsten Tag entscheiden, und sie ließen sich auf später vertrösten.
Es wurde ein lustiger Abend, und ich weiß bis heute noch nicht, wie ich ins Bett gekommen bin. Niels hatte mir eine Adresse zugesteckt, ehe er mich hinaufbrachte. Ich wußte, wohin ich am nächsten Vormittag erst einmal zu gehen hatte.