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Briefe nach Hause
Koppenhagener Rhede, den 11ten Mai 1756 Abends,
halb neun Uhr.
- Geliebteste Eltern!
- Wir sind um sechs Uhr an Bord einer Jachd gegangen, die uns,
mit Gottes Hülfe, nach Lübeck bringen soll. Cramers
und Leisching begleiteten uns an Bord. Wir tranken eine Bouteille
Wein mit einander und nahmen, da wir uns nicht mehr erkennen
konnten, noch mit den Schnupftüchern von einander Abschied.
Rahns sind nicht mit uns gewesen, weil wir Hannchens Brust (die
sich, aber langsam bessert) der Seeluft nicht anvertrauen konnten.
Wir liegen noch vor Anker und erwarten den rechten Wind. Vor
uns liegen sieben Kriegsschiffe und das Wachtschiff. Eben fängt
die Musik auf einer ganz nahe liegenden Fregatte wieder an. Vor
einer halben Stunde hingen die mittleren Theile der Masten noch
ganz voll Bootsleute, welche die Seegel zurecht machten. Wir
haben Mondschein und der Schiffer denkt diese Nacht um zwölf
Uhr abzureisen. Vor einer Stunde sahen wir auf die Schwedische
und unsere Küsten den Regen niederfallen. Der Schiffer fürchtet
einen Gewitterwind und daher sind wir nicht verreist.
[Von Metas Hand:]
Den 12ten Morgens um neun Uhr.
- Wir liegen noch hier, liebste Eltern! Wir haben sehr eng,
aber sehr gut geschlafen. Wir haben gutes Wetter, nur daß
es Windstille ist. Es scheint, so lange wir noch hier stille
liegen, werde ich mich gut befinden. Ich spaziere viel auf dem
Verdecke umher; sonst sitze ich in der Kajütte, stricke,
schreibe, lese, als wenn ich zu Hause wäre. Nur haben wir
viel zu viel Appetit.
Könnten wir doch auch zu Schiffe, so zu Ihnen, als jetzt
nach Hamburg reisen!
[Von Klopstocks Hand:]
Mittags um zwölf Uhr.
- Meine Frau hat Unrecht, wenn sie sagt: wir hätten Windstille;
wir haben einen Wind, mit dem wir nicht gehen können. Es
ist recht lebhaft um uns. Alle Augenblicke kommen Chaluppen,
die von und zu den Kriegsschiffen gehen.
Abends, drei viertel auf sechs. Wir sind um vier Uhr mit einem
gelinden Nord-Nord-Westwinde von der Rhede gegangen. Gott gebe
ferner eine glückliche Reise! . . . . . .
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