»Ich will Authentizität und Leidenschaft«

Ein Gespräch mit Film-Regisseur Tom Tykwer

Vokabeln


[Tom Tykwer sagt:]
Wir sind wirklich an dem Punkt angekommen, wo das verstopfte Loch vor uns, um das wir alle drumrumsitzen und draufglotzen, daß damit mal was passieren muß. Da mußte mal einer den Stöpsel rausziehen. Und da ist »Lola rennt« rausgekommen.

F: Man könnte dem Film den Vorwurf machen, daß er eine Flucht in den Aktionismus ist. Aus dieser »Winterschläfer«- Situation heraus: Es muß irgend etwas passieren, ganz egal was. Hauptsache Tempo, Tempo, Tempo. Und daß, zumindest auf der oberflächlichen Ebene, von der Story und den Dialogen her, eine gesellschaftliche Reflexion wie in den anderen Filmen überhaupt nicht stattfindet.

Ich finde den Film mindestens genauso komplex wie die Filme, die ich vorher gemacht hab. Ich bin aber glücklich, daß er das nicht die ganze Zeit behaupten muß und dann ab und zu ein Schild aufstellt: »Achtung, jetzt echt 'ne interessante Idee oder echt wichtiger Hinweis oder tolles Symbol«, sondern daß er es einfach ist, daß er einfach komplex ist, und zwar auf die lässigste Weise, die ich mir wünsche.

Ich wünsche mir Filme, die dem Zuschauer nicht die ganze Zeit einbleuen, daß er nachdenken soll, sondern die einfach nachdenklich stimmen und trotzdem Riesenspaß machen, unterhaltsam sind und lustig. Das ist für mich eben kein Widerspruch, und das, was mich zum Kino gebracht hat, waren diese Filme, die man, während man sie guckt, spannend und aufregend findet, wo man sich identifiziert, und wo man mitgeht, sei es Truffaut, sei's Hitchcock, sei's - egal, da kannst du ja alle nennen, der Meister war natürlich Hitchcock. Es ist Wahnsinn! Das Tolle ist eben, daß diese Filme das überhaupt nicht vor sich hertragen, aber wenn man nachher darüber redet, merkt man, was für ein riesiger Kosmos dahinterliegt. Gerade bei Hitchcock ist es wirklich phänomenal, weil der das auf die Spitze getrieben hat. Es geht um Unterhaltung und es sind doch Psychogramme, wie sie abgründiger kaum sein könnten. Bergman hat sich dafür die Finger wund gearbeitet, tolle Filme gemacht.

Der Wunsch, den ich habe, ist eben die Fusion von beidem. »Lola rennt« kriegt das bisher am besten hin. Das als puren Aktionismus abzutun, halte ich für oberflächlichen Schwachsinn. Wer den Film so wahrnimmt, hat nicht hingeguckt und hat sich auch nicht darauf eingelassen.

Ein statisches System braucht einfach einen anarchischen Einfluß, der es auseinanderdrückt, oder eine Delle reinhaut, etwas, das es aus der Bahn wirft. Unsere Kraft liegt immer in der Leidenschaft. Ich wünsche mir, daß man den Augenblick zu schätzen lernt, daß jeder Moment eigentlich gleich wichtig sein kann, und daß man nicht vorher wissen kann, welcher Moment der Entscheidende ist, daß man einen größeren Respekt vor der Situation hat. Ich finde es immer blöd, wenn Menschen auf die Zukunft hin leben, und sich nicht auf das Nächstliegende konzentrieren. Gerade in der uns vorhergehenden Generation, unserer Elterngeneration, waren wir umzingelt von Menschen, die darüber reden, daß es ihre Kinder mal besser haben sollen - wo ich mir immer denke: was für ein perverses Statement. Man hat schon aufgegeben, daß man selber es noch einmal gut haben könnte, was ja absurd ist, denn das sind ja alles Leute, die leben noch, aber leben auf die Rente hin, sagen: Demnächst wird alles anders, demnächst muß ich mal mein Leben ändern. Diese Haltung ist Wahnsinn, die hat etwas Selbstzerstörerisches, in der liegt nichts Kreatives und nichts Konstruktives.

(…….)

F: Was ist Lola dagegen für eine Heldin?

Eine Heldin des Alltags. Trotz aller Stilisierung, die der Film auch wagt, war klar, daß das eine ist, die trotz aller Potentiale, über sich hinauszuwachsen, ganz diesseitig bleibt, die man versteht, und wo man sich vorstellen kann: Ich würde genau dasselbe machen, wenn ich in ihrer Situation wäre. Die nie etwas macht, was obercool oder posig ist, nur weil der Film ein lässiges Statement abgeben will, sondern aus einer Verzweiflung und aus einer Leidenschaft heraus handelt, mit der wir uns, glaube ich, alle identifizieren können. Sie macht schier Unglaubliches, aber immer im Rahmen dessen, was denkbar ist.

Diese Power kennt man: Das ist die Energie, die aus der Verliebtheit kommt, und die eine ziemlich anarchische Potenz hat. Und Franka Potente hat diese Potenz, das utopische Prinzip, das besagt, ich kann die Welt aus den Angeln heben.

Sie hat diese Energie, ohne »tank girl« oder eine Comicfigur zu werden. Das wäre zu abstrakt und uninteressant, weil es unrealistisch ist. Ich wollte immer einen Film, der sich ganz konkret zur Realität bekennt. Ich wollte einfach nur eine Figur haben, der man diese Aktivität abnimmt. Qua Leidenschaft bewegt sie Raum und Zeit auseinander. Sie überwindet eine scheinbar völlig aussichtslose Situation. Demonstrativ wurde ihr mehrfach vorgeführt: Du hast keine Chance. Und am Ende nutzt sie sie trotzdem. Weil sie einfach bestimmte Grenzen überwindet, weil sie nicht akzeptiert, daß es diese Grenzen gibt. Ich glaube an diesen antipragmatischen Ansatz, daß man Sätze wie: »Die Welt ist, wie sie ist« nicht so stehen lassen muß, sondern daß man an einem bestimmten Punkt auch sagen muß: »Ja warum denn eigentlich, wer sagt das? Wieso können wir das nicht verändern?« Und das ist immer der Moment gewesen, an dem die Menschen tatsächlich etwas überwunden haben.

© junge Welt, HTML: IPN/gumi