ZEITZEUGEN
Man darf nicht schweigen
Ein Gespräch mit Hildegard Hamm-Brücher über die
"Weiße Rose" und das Thema "Zivilcourage"
Hildegard Hamm-Brücher studierte von 1940 bis 1945 an
der Universität München Chemie und promovierte in diesem
Fach.
Hildegard Hamm-Brücher. © Theodor-Heuss-Stiftung
Während ihres Studiums lernte sie einzelne Mitglieder der
Weißen Rose kennen. Nach Kriegsende arbeitete
sie zunächst als Journalistin und ging dann 1948 in die
Politik. Sie machte sich als liberale Bildungspolitikerin einen
Namen und war unter anderem Staatsministerin im Auswärtigen
Amt. 1994 kandidierte sie für das Amt der Bundespräsidentin.
2002 trat sie nach 54 Jahren Mitgliedschaft aus der FDP aus.
Sie protestierte damit gegen eine zur rechten Volkspartei
à la Möllemann gestylten FDP, in der sie ihre
persönlichen und politischen Grundwerte nicht mehr vertreten
konnte. Hildegard Hamm-Brücher ist Gründerin und Vorsitzende
der Theodor-Heuss-Stiftung, die sich der Förderung der politischen
Bildung und Kultur verschrieben hat.
bpb: Frau Dr. Hamm-Brücher, Sie haben in München
studiert, als dort die "Weiße Rose" ihre Flugblätter
verbreitete ...
Man muss wissen, dass es den Namen Die Weiße Rose
für diese Widerstandsgruppe damals noch nicht gab. Auch
der engste Kreis hat so nicht von sich selbst gesprochen. Es
waren einfach junge Menschen, die mit einem großen Anliegen
zusammengekommen waren und ihre Flugblätter gegen Hitler
mit der Überschrift Flugblätter der Weißen
Rose versahen. Das ist der einzige Bezug. Der Name Die
Weiße Rose für diese Gruppe wurde erst nach
1945 geprägt.
bpb: Haben Sie Mitglieder dieser Gruppe kennen gelernt?
Ich besuchte damals gelegentlich die kunstgeschichtlichen
Vorträge von Professor Kurt Huber. Da trafen sich zufällig
oder durch Mundpropaganda auch Studenten anderer Fächer,
die wussten: Dieser Kurt Huber ist Regimekritiker und macht eine
interessante Vorlesung. Da habe ich sie alle vom Sehen kennen
gelernt, Sophie und Hans Scholl, Willi Graf, später durch
Hubert Furtwängler auch Alexander Schmorell. Wir trafen
uns damals manchmal beim Mittagessen in einer Art vegetarischem
Restaurant und sehr häufig in Konzerten, die es damals in
München trotz des Krieges gab. Und so lernten wir uns ab
Ende 1941 nach und nach kennen. Man hat sich spontan getroffen,
es wurde viel musiziert und über religiöse, philosophische
und kulturgeschichtliche Fragen diskutiert. Es gab eben viele
unterschiedliche Interessen. Wir alle kamen von unterschiedlichen
Ausgangspunkten zu der Gewissensfrage: Wie stehen wir zum Nationalsozialismus?
Dieses Thema wurde nicht konspirativ diskutiert, sondern argumentativ
und existenziell.
bpb: Wussten Sie, dass Hans Scholl und die anderen Urheber
der Flugblätter waren?
Nein, das wusste niemand außer den Beteiligten. Und
selbst Sophie ist nicht von Anfang an eingeweiht gewesen.
bpb: Sie und ihre Freunde waren nicht linientreu. Haben
Sie damals in einem ständigen Gefühl der Angst gelebt?
Ich kann mich heute über uns nur wundern. Wir hatten
überhaupt keine Angst. Gut, wir haben nicht gerade in einem
Lokal öffentlich auf Nazis geschimpft, höchstens unter
uns. Aber dass wir in großer Angst gelebt hätten
überhaupt nicht. Anders kann man auch nicht verstehen, wie
Hans und Sophie am 18. Februar 1943 die Flugblätter in der
Universität verteilen konnten. Sie hatten möglicherweise
auch nicht das Gefühl, es könne ihnen an den Kragen
gehen. Es ist schon aufregend, wie idealistisch und naiv wir
damals waren. Nachträglich gesehen, würde ich sagen:
Wir waren leichtsinnig.
bpb: Nur eine Minderheit lehnte sich aktiv gegen Hitler
und die Nazis auf?
Es war eine Mini-Mini-Minderheit. Von den etwa 8.000 Münchner
Studenten waren es vielleicht 20 bis 50. Dann gab es natürlich
einen größeren Kreis von Studenten, die keine Nazis
waren, die sich aber nicht im Traum einer Gruppe angeschlossen
hätten, in der politischer Widerstand diskutiert wurde.
Das ist das Blamable, dass die klaren und mutigen Flugblätter
so wenig Resonanz fanden. Die beschwören doch: "Entscheidet
euch, ehe es zu spät ist!" Die Studenten waren damals
eben größtenteils Nazis oder Wegseher.
bpb: Haben Sie selbst auch ein Flugblatt in den Händen
gehabt?
Ja, und das ist meine Feigheit. Eines Tages fand ich im Labor,
in meiner Schublade, ein Flugblatt. Und als ich es in der Hand
hielt und gelesen hatte da hatte ich keine Ahnung, woher
es stammte. Ich bin aufs Örtchen gegangen, habe es in Schnipsel
gerissen und weggespült. Ich wollte nicht, dass man es bei
mir findet.
bpb: Wie erklären Sie sich den Mut ihrer Kommilitonen,
unter Lebensgefahr gegen das Regime aktiv zu werden?
Es ist ganz bestimmt die tiefe innere Überzeugung gewesen,
dass man nicht länger schweigen darf. Ich habe mit der Witwe
und dem Bruder von Christoph Probst über diesen Punkt gesprochen
und sie haben gesagt: Ihnen war sicher bewusst, dass das
gefährlich werden könnte. Aber dass sie damit ihr Leben
aufs Spiel setzen würden, damit rechneten sie wohl nicht.
bpb: Was ist das Vermächtnis der Weißen
Rose?
Dass es immer Menschen geben muss, die sich dafür mitverantwortlich
fühlen, dass unsere Freiheit nie wieder gefährdet wird.
Das ist die Botschaft, die diese jungen Menschen hinterlassen
haben. Und sie sollen Vorbild sein, auch in alltäglichen
Situationen: Seht nicht weg, wenn Ausländer angegriffen
werden! Kämpft gegen Rechtsextremismus! Habt Zivilcourage!
bpb: Das hört sich einfacher an, als es vermutlich
oft ist.
Ich glaube, dass man Zivilcourage einüben kann. Die Gespräche,
die wir damals führten, haben mir bewusst gemacht, dass
ich nicht alleine war. Andere können einem Mut machen. Das
habe ich auch bei der Kirchentagsarbeit in der DDR erfahren.
Da war die Solidarität unter- und miteinander ein Durchhaltemotiv.
Es gibt ständig zwischenmenschliche und politische Probleme,
da darf man nicht einfach schweigen und wegschauen!
Das Gespräch führte Kirsten Schulz.
20. April 2005
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