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GOOD BYE, LENIN!
 
KATHRIN SAß IM INTERVIEW
 
von Luzia Braun


Katrin Saß, früher eine erfolgreiche Schauspielerin in der DDR, nun auf der Leinwand als Ostberlinerin, die vor der Wende ins Koma fällt und zur Währungsunion wieder die Augen aufschlägt. Wie viel davon der Mensch Saß ist, kann man nur erahnen. Luzia Braun hat sie gefragt.


aspekte: Frau Saß. Ich habe gelesen, dass Sie unbedingt diese Rolle spielen wollten. Warum?

Saß: Warum? Soll ich die Wahrheit sagen?

aspekte: Ja!

Saß: Ein Kinofilm, erstens. Zweitens: Wolfgang Becker. Und dann kommt dazu, dass es für mich einfach ein tolles Drehbuch war. Ich habe unheimlich gestaunt, als ich dann gehört und gelesen habe, dass das ein relativ junger Autor aus dem Westen geschrieben hat. Und dass das ein Westregisseur inszenieren wird. Das hat mich schon ziemlich verblüfft, wie authentisch das Ganze war, beim Lesen.

aspekte: Was hat Sie angesprungen bei dieser Geschichte?

Saß: Es war die ganze DDR wieder auferstanden. Ich habe das gelesen und dachte, die zwölf Jahre sind gar nicht lange her, als wäre das alles vorgestern gewesen. Das war schon ziemlich genau beobachtet. Ich habe gedacht, das kann eigentlich nur ein Ostler so genau aufschreiben.

aspekte: Das heißt, Sie als Ostfrau haben den männlichen Wessiblick nicht fremd gefunden, sondern vertraut?

Saß: Überhaupt nicht fremd. Bei mir kamen nicht nur Erinnerungen wieder hoch, auch Hassgefühle, als ich das gelesen hab. Und was mich am meisten gereizt hat an dem ganzen Buch, ist diese Gradwanderung zwischen Komik und Tragik, etwas, was ich noch nie gemacht habe. Und es gibt noch etwas, was ich noch nie gemacht habe: Dass ich einen halben Film über, oder mehr noch, ans Bett gefesselt war.

aspekte: Ist Ihnen das schwer gefallen?

Saß: Beim Lesen dachte ich, was hast Du hier eigentlich zu spielen? Alle um dich herum können irgendwie agieren, alle können was machen, nur du liegst nur da.

aspekte: Sie hatten eigentlich nur das Gesicht und vor allem die Augen zur Verfügung...

Saß: Mehr hatte ich nicht, das ist wahr.

aspekte: Hat Sie das auch gereizt?

Saß: Das hat mich gereizt, weil es das ist, was ich am Film liebe. Mit 19 habe ich meinen ersten Film gedreht und habe mich irgendwie vor der Kamera zu Hause gefühlt, das muss ich sagen. Aber hier, das war schon besonders. Ich hatte einerseits Angst - aber beim Drehen habe ich dann gespürt: ›Das ist eigentlich deins‹, mit ganz wenig Mitteln zu versuchen, Gefühle und Befindlichkeiten dieser Frau rüberzubringen.

aspekte: Es ist Ihnen sehr gut gelungen ...

Saß: Vielleicht wollte ich das jetzt hören.

aspekte: Was war für Sie die DDR aus heutiger Sicht?

Saß: Was für mich die DDR war? Gerade wenn ich diesen Film sehe, den ich gestern das erste Mal ganz gesehen hab, dann gibt es teilweise Stellen, wo ich mich unheimlich amüsiere, zum Beispiel die Geburtstagsfeier, was da alles wieder hochkam: der Präsentkorb, der ja besonders teuer war. Was da alles drin war ... den hab ich meiner Mutter und meiner Großmutter zum Geburtstag geschenkt, wenn einem gar nichts mehr einfiel.

›Rosenthaler Kadarka‹, da standen wir an der Schauspielschule Schlange, wenn es den gab. Wir haben zusammengelegt, furchtbar süß, einen grausam schweren Kopf hat er gemacht. Und all das kam natürlich wieder hoch. Aber die Nacht der Demonstration, da habe ich wirklich gedacht, diese zwölf Jahre liegen nicht dazwischen, das war ungeheuer. Weil ich das selbst in Leipzig erlebt habe. Die letzten zwei Jahre war ich in Leipzig, von 87 bis 89, bin bewusst jeden Montagabend zur Probe oder zur Vorstellung an der Nikolaikirche vorbeigegangen und irgendwann, an einem Abend als ich frei hatte, bin ich dann da mal hängen geblieben.

Das hat mich nicht nur schwer erschüttert, mir ist schlecht geworden nach diesem Abend, was da passiert ist. Also einfach zu erleben, wie wir innerhalb von Minuten, von Sekunden eingezingelt waren. Die jungen Leute, die das alles begonnen haben, ich frage mich immer, wo sind die heute. Die hätten es wirklich verdient, geehrt zu werden, diese zehn oder 15 Leute. Die montags aus dieser Nikolaikirche kamen, die dann unter ihren Jacken die Plakate rausholten.

Gegenüber vom Theater war das Stasigebäude, was langsam gestürmt wurde. Das spielte keine Rolle. Es wurden die Fenster geschlossen, es wurden die Türen geschlossen, und wir haben weiter drinnen Komödie gemacht. Das ist schon unfassbar.

aspekte: Was für Reaktionen, glauben Sie, wird dieser Film auslösen?

Saß: Keine Ahnung. Ich bin da so unsicher, weil ich nicht weiß: Wird er unterschiedlich ankommen, wie wird der Ostler reagieren, wie wird der Westler reagieren? Im Moment, bis gestern oder vorgestern, dachte ich, natürlich wird das den Ostler viel mehr interessieren, der wird das nachvollziehen können, der hat da gelebt. Langsam glaube ich, dass es genug Ostler gibt, die sagen, Moment mal, dass war wohl nicht alles so. Also, ich bin völlig unsicher. Und sehr gespannt.

aspekte: Sie meinen, es gibt schon auch Ostler, die mit der Darstellung im Film nicht einverstanden sein werden?

Saß: Denen ist es zu nah. Es gibt ja heute, selbst heute noch, genügend Leute, 80 Prozent, die sagen, ich guck mir meine Stasi-Akte nicht an, es könnten ja Freunde dabei sein. Das finde ich unvorstellbar. Ich habe das 91 gemacht, gerade weil ich wissen wollte, ob Freunde dabei waren, und die waren dabei. Ich habe damit abgeschlossen. Aber genügend Leute sagen, ich will das gar nicht wissen.

aspekte: Könnte dieses ›die-Wende-verschlafen‹ auch eine Metapher für dieses ›Nichts wissen wollen‹ sein?

Saß: Das könnte sein, ja. Darüber habe ich noch nie nachgedacht, aber das ist tatsächlich so. Ich hab die Wende am 9. November so erlebt, dass alle gebrüllt haben, dass alle glücklich waren, selbst die 180-prozentigen Genossen und die vielen IMs. Ich glaube, alle waren glücklich. Das dauerte nicht lange, dann ging es los mit der Arbeitslosigkeit, dann kriegte Kohl die faulen Eier an den Kopf. Ich habe den Eindruck, dass 60, 70, 80 Prozent beides wollen. Diese Freiheit, die Westmark, heute den Euro, aber gleichzeitig diese Sicherheit von damals. Beides kann aber einfach nicht gehen, kann es nicht geben.

Ich kann mich erinnern, Schauspielschule, 1979, da sind wir an die Theater gekommen, auch der Schlechteste ist irgendwie untergekommen. Es gibt einen Kommilitonen, das ist nun 23 Jahre her oder so, der sitzt heute noch in Bautzen am Theater und spielt das, was er früher gespielt hat. Und das ist für mich unbegreiflich.

aspekte: Die DDR, die in dem Film gezeigt wird, ist ja eine sehr idyllische, familiäre, private DDR. Und alles hat etwas von einer Puppenstube, ist alles so wahnsinnig lieb hier. Stimmte das denn?

Saß: Das ist Film. Da sage ich immer, das ist Film, und eigentlich steht ja eine Mutter-Sohn-Beziehung im Vordergrund, die in die Wende fällt und natürlich ganz stark mit der Wende, mit dem Zusammenbruch der DDR zu tun hat. Aber es wird ja gerade zum Ende hin ein wunderschönes Märchen erzählt.

aspekte: Glauben Sie, dass der Film erst jetzt nach 13 Jahren möglich war. Oder hätte man den auch schon früher machen können?

Saß: Ich glaube, dass diese 13 Jahre notwendig waren. Ich glaube schon, ja.

aspekte: Vielen Dank, Frau Saß