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Vor vier Jahren erschien im Reportermagazin des Spiegel eine
Enthüllungsstory über Kai Pflaume, Ulrich Mühe
und Christiane Gerboth. Ein Showmaster, ein Schauspieler, eine
Moderatorin und alle verband sie dasselbe Geheimnis. Sie
sind Medienstars und wirken, als kämen sie aus dem Westen.
Kamen sie aber nicht. Es sind Ostdeutsche. DDR wird verhätschelt Inzwischen ist das Magazin abgewickelt wie der Staat der Arbeiter und Bauern. So hat niemand diese Ostdeutschen, denen man ihre Herkunft nicht ansieht, im Auge behalten. Sie konnten unbemerkt in Schlüsselstellungen gelangen und haben nun offenbar das Westfernsehen unter ihre Kontrolle gebracht. Jetzt machen sie dort, was sie wollen. Also das, was sie sich bisher nicht getraut haben sie hätscheln die DDR. Vergangenen Sonntag im ZDF. Heute, Freitag, im MDR. Morgen
auf Sat 1. Dann auf RTL und später auf Pro Sieben. Überall
Osten. Überall Ostalgie. Beim ZDF sah das dann so aus: Die Moderatorin Andrea Kiewel, geboren in Ostberlin, steht im Mainzer Fernsehgarten, gerade ist ihr Publikum mit DDR-Pralinen beregnet worden, da ballt sie die rechte Faust und ruft: Für Frieden und Sozialismus seid bereit? Und 500 Zuschauer antworten: Immer bereit! Liebevolle Erinnerung In den folgenden 90 Minuten reihten Frau Kiewel und Co-Moderator
Marco Schreyl, geboren in Erfurt, im Minutentakt Verblichenes
aneinander. Stars, die keine mehr sind. Produkte, die es nicht
mehr gibt. Lieder, die keiner mehr hört. Dazu kicherten
sie und fragten: Weißt Du noch? Sie wussten.
Nur der Westzuschauer, der wusste nicht, und es wurde ihm auch
nicht erklärt, sonst hätten sich die Ostler ja nicht
über ihn amüsieren können, nur weil er nicht weiß,
was ein Abschnittsbevollmächtiger ist. Axel Schulz ist ein Mann, der jahrelang davon ausging, zur Weltspitze zu gehören, dann den wichtigsten Kampf seiner Karriere verlor, sich wegen einer umstrittenen Ringrichterentscheidung aber später als moralischer Sieger fühlte. Mehr Kompetenz in Sachen Lebensgefühl Ost lässt sich schwer finden. Suche nach den bekanntesten Stars Das ist bei Katarina Witt anders. Sie wohnte schon in Amerika, sie hatte es geschafft. Trotzdem saß sie vor ein paar Wochen in Hamburg unter einem Banner, auf dem stand Mein Arbeitsplatz mein Kampfplatz für den Frieden, weil sie gemeinsam mit Oliver Geißen die DDR-Show von RTL moderieren wird. Vielleicht macht sie es ja aus Überzeugung, oder weil sie zu den Besten gehören will. RTL hat nämlich von allen Sender am frühesten begonnen, seine Ostalgie zu planen und wahrscheinlich wird sie deshalb auch am besten gelingen. Das Problem aller Ostshows ist es ja nicht, Trabikolonnen über eine Bühne fahren zu lassen, Bilder aus der Aktuellen Kamera und vom FKK-Strand zu zeigen oder im Studio einen Konsumladen aufzubauen. Das Problem ist eher, welche Gäste man in eine solche Kulisse setzt. Schien es noch nach der Wende so, als sei der größte Makel der Oststars, dass sie nicht gut genug fürs Westfernsehen sind, stellte sich nun heraus, dass es nicht genug von ihnen gibt. Einige waren tot, einige nicht vorzeigbar, einige selbst in der DDR nicht richtig bekannt gewesen. So begann der Ansturm auf die verbliebenen, und nur Exklusivverträge konnten das senderübergreifende Comeback von Wolfgang Lippert verhindern. Am Ende singen nun die Puhdys und Karat für RTL, Sat 1 sicherte sich Frank Schöbel (der Peter Kraus der DDR) und Gojko Mitic (der Winnetou des Ostens). Das ZDF musste nehmen, was übrig blieb. Und der MDR, der auch auf der Welle mitschwimmen wollte, hat wohl eine Show, die er sowieso im Programm hatte, nur schnell in Ein Kessel DDR umbenannt. Hier grüßt Gunther Emmerlich mit Freundschaft und Co-Moderatorin Franziska Schenk mit Druschba. Und hier muss das keiner übersetzen. Bagatellisierung wird befürchtet So machen alle mit beim Ostfernsehen, nur die Bürgerrechtler nicht, weil nicht über Mauer, Stasi, Doping geredet wird. Dies sei eine DDR, von der die SED immer behauptet habe, dass sie so existiere, sagt Vera Lengsfeld. Rainer Eppelmann sieht eine fürchterliche Bagatellisierung der DDR und Günter Nooke fragt, was das wohl für ein Geschrei gewesen wäre, wenn nicht Kati Witt eine DDR-Show, sondern Johannes Heesters eine Dritte-Reich-Show moderieren würde? Wie immer gelang es erst Manfred Stolpe, den schiefen Vergleich wieder gerade zu biegen. Es sei ein Fehler, sagte er, auf Dauer so zu tun, als wäre die DDR nur ein finsteres KZ gewesen. Angesichts dieses Programms fragt der Zuschauer (West) ängstlich, was da noch auf ihn zukommt. Wird Günther Jauch bald Wer wird Sekretär? moderieren? Wird es Big Brother in der Prager Botschaft geben Preis: eine Ausreise? Nun, zumindest die Frankfurter Allgemeine will es soweit nicht
kommen lassen und warnte nach der ZDF-Show, dieser Supergau
des Unterhaltungsfernsehens sei ein Fall für
den Fernsehrat. © Süddeutsche Zeitung |
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