|
|
-
- GOOD BYE, LENIN!
-
- Ausrufungszeichen
Dieses kleine Kapitel deutsch-deutscher
Beziehungen ist eine Geschichte mit vielen Ausrufungszeichen
1985.
"Frohe Weihnachten und ein Gutes Neues Jahr" steht
auf der Postkarte, abgestempelt in Dresden am 21.12.1985, die
mit Schwung im Briefkasten (West) landet. Auf der Rückseite
ein freundlicher Gruß und das Versprechen, bald einen langen
Brief zu schicken. Sie heißt B., ist 13 und geht in die
achte Klasse. Das passt, damit ist sie nur ein Jahr älter.
Im ersten Brief, der wenig später im Briefkasten (Ost) landet,
prangt in krakeliger Kinderschrift: "Schreib mal was über
die DDR!" Der Adressenaustausch war purer Zufall, ein Sandkastenfreund
(West) ist in der Kirchengemeinde aktiv und hat daher die Adresse
aus dem Osten: Zwei Schwestern suchen Brieffreunde. Er will der
jüngeren schreiben, und die große Schwester ist noch
"frei" - der "Handel" ist perfekt. Eine Brieffreundin
in der DDR, von "drüben", warum nicht? Im Notizbuch
(West) findet sich der erste Eintrag, der mit dem Nachbarstaat
zu tun hat - natürlich mit Ausrufungszeichen: "Hey
- ich habe eine neue Brieffreundin! Wohnort: Dresden/DDR."
Der Beginn eines langen Briefwechsels.
1987.
Der Tag Ende März ist düster. Jedenfalls in der Erinnerung
ist er das. Die etwas holprige Straße bei Ratzeburg scheint
unendlich weiterzugehen, hohe Bäume säumen die Allee,
weite Felder rechts und links. Plötzlich endet alles. In
gar nicht allzu weiter Ferne versperrt eine Schranke den Durchlass.
Ein hoher Maschendrahtzaun, ein Wachtturm. Verschwommene Gefühle
beim ersten Anblick der "Zonengrenze": Bedrückend,
seltsam, auf unheimliche Art faszinierend. Die mörderische
Grenze sieht so - harmlos aus. Was bleibt, ist ein Eindruck von
der Künstlichkeit dieser Trennlinie, mit ordentlicher Schrift
fein säuberlich in einer rotseidenen China-Kladde notiert:
"Komisch. Vor einem ist so eine Schranke, ein Warnschild,
ein Bunker, ein Zaun, ein Wachtturm. Und das ist die gefährliche
Grenze? Man wird richtig trübsinnig, denn da drüben
leben Deutsche, die diese Grenze niemals übertreten dürfen
und können." Auf einer zweiten Seite, ausgeschnitten
und aufgeklebt, eine Schemazeichnung der Grenzanlagen. Überraschenderweise
mit dem Kommentar versehen: "Vielleicht wissen meine Enkelkinder,
vielleicht sogar meine Kinder, nicht mehr, was das war, die 'Zonengrenze'.
Für sie ein Phänomen, das schon lange weg ist."
Eine lange Liste mit Zahlen und Erklärungen ist mit schwarzem
Stift notiert: Grenzverlauf, Spurensicherungsgraben, Metallzaun,
Hundelaufanlage... Die Aufzählung endet bei Punkt 20: "Passierhaus
- Klammer auf - ehemals! - Klammer zu." Zack, da ist es
wieder, das Ausrufungszeichen.
1988, Weihnachten
Es hat sich so eingebürgert, ohne dieses Ritual wird es
kein richtiges Weihnachstfest: Wenn der Postbote mit dem schweren
Paket um die Ecke kommt, wissen wir (West), daß der Dresdner
Christstollen angekommen ist. Dicke Scheiben abgeschnippelt,
Butter drauf und Zucker - hmm! Viele, viele Briefe, Päckchen
und Pakete wandern in den Jahren über die Grenze, von Ost
nach West, von West nach Ost. Manchmal auch mit leisen politischen
Andeutungen, aber aus Angst vor dem "Abfischen" der
Briefe an der Grenze eher selten.
1989, September
Verlassene, vermoderte und tote U-Bahn-Höfe unter Ost-Berlin
graben sich ins Gedächtnis ein. Auf Klassenfahrt in Berlin
(West), mit U-Bahn-Fahrt und obligatorischem Tag in Ostberlin.
Unheimlich: Eine Gruppe der Klasse wird bei der Passkontrolle
herausgefischt, die Bilder in den Kinderausweisen seien zu alt
oder die Papier zu zerfleddert, Ersatzpapiere müssen erstellt
und natürlich bezahlt werden. Bis das graue Gebäude
die Schüler wieder ausspuckt, sind zwei Stunden vergangen.
Dann geht es los: Rundtour in Ost-Berlin. Nanu, die Mauer ist
ja von Osten her weiß! Ist ja logisch, darf ja von dieser
Seite keiner ran, aber für den Augenblick ist der Anblick
irritierend. Wachparade, Stechschritt. Vorzeigeobjekt Nikolaiviertel,
Pause mit Club-Cola und "Ketwurst" (hieß die
wirklich so?). Blick vom Französischen Dom: Ost-Berlin,
eine Baustelle. Geld vom Zwangsumtausch loswerden, kein Problem
- schließlich gibt es eine passende Buchhandlung. Das knallblaue
Physik-Buch schwärmt zwar auf den ersten 20 Seiten von sozialistischen
Errungenschaften, ist aber für den Rest der Schulzeit (West)
in den Höhen und Tiefen der Physik ein treuer Begleiter.
Warm ist es in Ost-Berlin. Außerdem beachtet mich der Junge,
in den ich schon lange verknallt bin, ein bißchen - ein
guter Tag. Kommentar in der neuen China-Kladde zur Klassenfahrt:
"Geil!" Mit Ausrufungszeichen, natürlich.
1989, November
Die Zeit der vielen, vielen Ausrufungszeichen bricht an. Der
10. November hat auf dem dünnen Papier allein 14 davon versammelt.
Und zwei Fragezeichen. Überschrift: "Die Nacht vom
9. auf den 10. November - ein historisches Datum!!!" Stimmt,
kann man da nur sagen. Und dann geht es weiter, mit viel "Super!"
und "Wahnsinn". Und einer Hoffnung: "Vielleicht
kann ich jetzt endlich B. sehen! "Ganz zum Schluss zwei
Fragezeichen: "Ist das ein erster Schritt zur Wiedervereinigung??
Ich weiß es nicht."
1989, Dezember
Eine neue Flut von Ausrufungszeichen. "Wahnsinn!" "Meine
B. aus Dresden hat eben angerufen, sie kommt Sonntag mit ihren
Eltern, oh, wow! Das kann ich einfach nicht fassen. Total geil!"
Dann zwei Tage später, O-Ton Tagebuch: "Zuerst hatten
wir schon befürchtet, sie kämen nicht, aber als dann
der graue Wartburg um die Ecke kam: Super! Wir haben uns so super
verstanden, ein Traum wird wahr!" Wir reden und reden und
reden die halbe Nacht, meine Mutter kocht Thermoskannen mit Kaffee
und schmiert Stullen für die Rückfahrt, denn Freunde
wollen noch am Montag morgen wieder pünktlich zur Arbeit
zurück in Dresden sein. Noch einen Tag nach dem Besuch viele
Ausrufungszeichen. Und eine Kette von Pünktchen: "So
ganz begriffen, daß sie hier war, habe ich noch nicht.
Alles kommt mir so irreal vor... Ein Traum halt." Typisch,
daß mal wieder keiner ein Photo gemacht hat.
1990, 1994, 1996, 1998 - immer wieder Ausrufungszeichen,
für eigene Besuche in Dresden, Franzburg und auf Rügen.
Neue Gesichter, neue Freunde - und alte. Seit 1994 Geschichtsstudium
an der Uni in Kiel. Liebster Schwerpunkt: DDR-Geschichte, Abschlussarbeit
über Honecker. Und die DDR wird mich auch beim Promovieren
noch lange begleiten. Mit Ausrufungszeichen, aber auch mit Fragezeichen
- und nachdenklichen Pünktchen ...
© ddr-im-www
- (mwu) |