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Ich bin 2 Monate vor dem Mauerbau geboren worden, und meine Jugend fiel in die Zeit der Öffnung der DDR gegenüber dem Westen in den Siebzigern. Aber eigentlich waren meine DDR die Rundfunksender, die man in Norddeutschland gut empfangen konnte. Starke Erinnerungen habe ich an Radioberichte vom Trassenbau auf DT64. Fand ich aufregend fremd. Natürlich die Puhdys, die auch live in Hannover spielten. Am ersten Mai gab es die Umzüge im DDR-Fernsehen. Ich vermisse heute dieses ästhetisch-humoristische Ereignis. In der Aktuellen Kamera nervte immer das Abspielen der ganzen Nationalhymne, wenn Honecker irgendwen empfing oder empfangen wurde, und das war fast jeden Tag, wenn mich die Erinnerung nicht trügt (Programmtaste 4). DDR2 mit den Kriegsfilmen, in denen die russische Armee täglich nachmittags den Hitler-Faschismus besiegte, war auf Taste 5. DDR war auch die SDAJ (Die Sozialistische Deutsche Arbeiter Jugend), die uns Provinzler von der sozialistischen Schweißnaht in DDR-Kernkraftwerken berichtete, die doppelt so gut hält wie eine kapitalistische. Glaubte ich natürlich nicht. Ist ja Unsinn. Karl-Eduard von Schnitzler, jeden Montag nach einem unsäglichen Spielfilm, war mein politischer Erzieher. Hier lernte ich den Westen kennen, wie er sich nicht so gerne sah. Ich glaubte zwar auch Karl-Eduard nicht alles, aber er gefiel mir: hart, ehrlich und gerecht. Ein Freund der Schwachen und Geknechteten, Feind der Heuchler und Kriegstreiber.Und er lieferte Beweise: WESTBILDER. Wohl durch die Antikriegsfilme von DDR 2, Karl-Eduard und die coole siebziger-Jahre-BRD-Sozialisation floh ich vor der Bundeswehr nach Westberlin. Die Mauer störte mich nicht. Also bekam ich in 10 Jahren auch keinen Mauerkoller, von denen andere berichteten. Die Mauer - das war der Antifaschistische Schutzwall! Hab sie kaum gesehen. Dahinter war ja sozusagen nichts. Von den wenigen Besuchen im Ostteil der Stadt erinnere ich mich nur an das Nazigeschwätz besoffener Ost-Arbeiter in einem Freiluftgarten in Köpenick (Bier irgendwie 82 Pfennig) und die Penetranz, mit der sie Geld tauschen wollten. Das verstand ich damals nicht. Unser DDR-Eintrittsgeld (Zwangsumtausch) legten wir meist in Schallplatten und Bücher an. Als die Maikrawalle in den achtzigern in Kreuzberg losgingen, berichtete das Fernsehen der DDR fair über die brutalen Polizeiübergriffe in West-Berlin. Beinahe wären wir Freunde geworden. Auch gab es im Bahnhof Friedrichstraße billige, zollfreie Zigaretten und günstigen Alkohol (Krimsekt!). Man musste nur auf die West-Zöllner achten. Oder direkt dort am Kiosk trinken. Transitvisum. Also, aus West-Berlin durch die DDR trampen ging damals wunderbar. Es gab ja nur 2 Ausfallstraßen Richtung Westdeutschland. Diese Grenzkontrollen und die uniformierten Sachsen, die einen immer ins Auto guckten, dass einem angst und bange wurde. " Waffen? Funkgeräte?..." "Nein" : Nicht dass sie einen noch dabehalten! Dauernd übertrat man die Straßenverkehrsordnung auf der Transitstrecke und musste Westgeld abdrücken ...es gab ja richtige Fallen... Aber die Westgrenzer waren noch schlimmer: Einmal standen sie in kugelsicheren Westen und Maschinengewehren um uns rum ,weil eine persische Studentin in unserem Fahrzeug saß und irgendein Staatsfuzzi West-Berlin besuchte, der besondere Angst um sein Leben haben musste. Die Fahrten im Mitropa-Wagen der Reichsbahn waren eine Welt für sich. Es gab günstig Essen und Trinken, und die Bedienung war freundlich. Meistens war es sehr belebt, und es entwickelten sich Gespräche über die Tische hinweg. Jeder, der einmal mit der Mitropa fuhr, weiß, was ich meine. Das einzig seltsame war, wenn Leute in DDR-Mark zahlen wollten, dann mussten sie ihren Ausweis vorlegen. Das Wetter bei Durchfahrt der DDR war immer schlecht. Hinter dem Grenzzaun hellte es sich dann irgendwie auf. Es liefen ja dann auch die meisten DDR-Bürger zum Westen über. Für einen Tag kostete die Banane 5 DM. Ich heiratete meine süße kleine Ost-Doreen. Das Stadion der Weltjugend wurde abgerissen. Die Mauer auch: Und so gibt es wieder Krieg. J.Weber Mai 1999. |
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