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- TANNÖD
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- PETER LEUSCHNER:
DIE FRÜHERE MAGD KRESZENZ »SONST WÄR ICH AUCH
TOT«
- Als erste haben es seine Frau und die Kinder gemerkt. Seit
der Mordnacht von Hinterkaifeck ist Georg Reingruber ein anderer
geworden. Selbst Freunden ist aufgefallen, dass er kaum mehr
an anderes denkt. Ständig ist er am Grübeln. Manchmal
träumt er sogar nachts davon. Neben seinem Bett hat er sich
Bleistift und Zettel zurechtgelegt - für den Fall, dass
er mit einer Idee für einen neuen Ermittlungsansatz aufwacht.
Immer wieder hat Reingruber sich und andern die Frage gestellt:
Wer und warum? Sie haben keine Tatwaffe, kein zwingendes Motiv,
nichts, was den Täter verraten könnte. Sie wissen nicht
einmal, ob es nur einer war, oder ob es zwei oder gar drei waren.
Reingruber glaubt zwar, dass einer allein es kaum gewesen sein
kann. Aber sonst? Waren es jüngere, stammen sie aus der
Gegend, haben sie die Hinterkaifecker gekannt oder wurden diese
nur zufällig zu Opfern? Fragen über Fragen und auf
keine gibt es eine Antwort.
Nachbarn hatten Reingrubers Leuten von einer gewissen Kreszenz
erzählt. Die 25-jährige hatte bis vor knapp acht Monaten
bei den Hinterkaifeckern als Magd gedient. Sie sollte zwar sofort
vernommen werden, doch bei der Gendarmeriestation Karlskron war
das Fahndungsersuchen liegengeblieben - wegen der Osterfeiertage.
Auf Nachfragen hatten die Kollegen dort dann zugegeben, dass
sie den Vorgang für nicht so brisant hielten.
Aber in der letzten Aprilwoche hat Reingruber auf Anweisung von
Staatsanwalt Renner Kriminalkommissär Neuß und Kriminalsekretär
Kollmer nach Schrobenhausen geschickt, damit sie das Umfeld der
Kaifecker durchleuchten. Das sollten eigentlich die Hohenwarter
Gendarmen tun. Aber die waren Ferdinand Renner nicht schnell
genug. Gleich zweimal in drei Tagen haben Neuß und Kollmer
die Magd Kreszenz vernommen. Sie arbeitet nun auf einem Hof nur
wenige Kilometer von Hinterkaifeck entfernt in Edelshausen. Ihrem
derzeitigen Freund hatte die aus Oberhausen bei Augsburg stammende
Frau erschrocken und erleichtert anvertraut: "Bin ich froh,
dass ich von dort weg bin, denn sonst wäre ich jetzt auch
tot."
Schließlich war es die reine Angst, warum Kreszenz Ende
August 1921 nach zehn Monaten ihren Dienst bei Viktoria Gabriel
wieder gekündigt hatte. Als Reingruber den Grund für
diese Furcht erfuhr, war er wie elektrisiert. Es waren die Brüder
Anton und Karl aus Waidhofen, vor denen die Magd sich fürchtete.
Unabhängig voneinander hatten mehrere Zeugen immer wieder
die Namen der Brüder genannt. Und jeder hatte hinzugesetzt:
"Denen würde ich das schon zutrauen." Zwar gab
es da noch einige Ungereimtheiten, aber auch vieles, was Anton
und Karl belasten könnte. Wie war das mit dem Hund der Kaifecker,
diesem bissigen Spitz, den alle mieden, der jeden meldete und
keinen ans Haus heran ließ, der die Magd angriff und sogar
die kleine Cäzilia einmal in die Backe gebissen hatte? Aber
bei einem der beiden Brüder, dem Anton, bellte der Spitz
nicht einmal.
Tatsächlich soll sich Anton bei einem Schäfer in Steinerskirchen
erkundigt haben, wie man selbst den wachsamsten und bissigsten
Hund ausschalten kann, ob es da nicht irgendein Mittel gibt.
Und dem Maurer Simon Schönacher aus Rachelsbach hatte Antons
Bruder Karl einmal im Wirtshaus "Reger" in Waidhofen
gesagt, als der ihn mitten unter der Ernte fragte, wie er ohne
Arbeit sich solche Lokalbesuche leisten könne: "Ja
Simmerl, so dumm bin ich schon lang nimmer, es muss auch so gehen,
und wenn ich mir die Händ' blutig machen müsst."
Sowohl Karl wie auch sein Bruder Anton sind mehrfach vorbestraft.
Und auch die Bauern scheinen Angst vor ihnen zu haben. Denn einige,
so ergaben nun die Vernehmungen, haben Diebstähle und Einbrüche
auf ihren Höfen gar nicht angezeigt - obwohl sie so gut
wie sicher waren, dass die zwei Brüder dahintersteckten.
Und wieder gab der alte Gruber Oberinspektor Reingruber Rätsel
auf. Obwohl alle wussten, dass die Brüder kein unbeschriebenes
Blatt waren, haben die Kaifecker den jüngeren der beiden,
den 31-jährigen Anton, gelegentlich auf ihrem Hof beschäftigt.
Er half heim Dampfdreschen oder der Kartoffelernte. Im Gegensatz
zu seinem Bruder Karl langte der Anton schon hin, wenn es sein
musste. Aber er arbeitete nur so viel, dass er davon wieder eine
Zeitlang leben konnte.
Kaum war die damals im fünften Monat schwangere Kreszenz
im November 1920 nach Hinterkaifeck gekommen, stellte ihr der
Anton schon nach. Mehrmals forderte er sie ziemlich eindeutig
auf sich mit ihm einzulassen. Heimlich schlich er nachts vor
ihr Kammerfenster und wollte einsteigen. Doch Kreszenz wies ihn
jedesmal ab und informierte Andreas Gruber und die Viktoria.
Beide rieten ihr dringend vor irgendwelchen Kontakten mit Anton
ab. "Denn der stiehlt", begründeten beide ihre
Haltung. Sie glaubten, dass er ihnen erst kürzlich einige
Hühner gestohlen hatte. Trotzdem aber hatte der alte Gruber
den Anton an einem Sonntag durch den ganzen Hof geführt
und ihm auch die Maschinen gezeigt.
Von da an kam er alle zwei, drei Wochen zum Hamstern zur Viktoria
Gabriel. Und immer wieder versuchte er es bei der Kreszenz. Doch
die wies ihn ebenso oft ab. Voller Wut erzählte er daraufhin
überall herum, dass er die "Zenz" schon noch "durchlassen"
werde. Dem alten Gruber und der Viktoria gab er die Schuld dafür,
dass er die "Zenz" nicht kriegte. Und er soll sogar
gedroht haben: "Die Kaifecker gehören alle erschlagen."
Aber nicht nur Anton ist nachts in Hinterkaifeck herumgeschlichen.
Auch sein Bruder Karl scheint einmal versucht zu haben, durchs
Fenster der Kreszenz einzudringen. Die Magd war eines Nachts
durch heftiges Klopfen aufgewacht. Erschrocken richtete sie sich
vorsichtig im Bett auf, hielt wie zum Schutz die Decke vor sich.
Durch die Scheibe sah sie trotz der Dunkelheit ein Gesicht und
hörte eine Stimme: "Ich bin der Bauern-Sepp von Gröbern".
Doch der "Bauern-Sepp" war es nicht. Den kannte die
Kreszenz. Sie vermutete, dass es Karl war. Der Unbekannte trug
einen weiten Filzhut und fragte noch, ob die Viktoria beim alten
Gruber im Bett liegt. Nach einer Weile schlich er lautlos, wie
er gekommen war, Richtung Gröbern wieder davon. Dass der
alte Gruber bei seiner Tochter im Bett liegt, hatte die Magd
nie gesehen. Nur einmal hatte sie beide abends gegen halb acht
im Stadel überrascht. Viktoria lag im Stroh und auf ihr
lag ihr Vater. Kreszenz hatte so getan, als hatte sie nichts
gesehen. Doch Viktoria kam hinterher zu ihr und meinte: "Wenn
ich gewusst hätte, dass du in den Stadel kommst, wäre
ich nicht hinausgegangen." Ein andermal hatte die Magd unbeabsichtigt
ein Gespräch zwischen dem alten Gruber und seiner Tochter
auf dem Speicher belauscht. Er reparierte gerade den Taubenschlag,
als er zu Viktoria sagte: "Du brauchst nicht heiraten, schließlich
bin ich ja da." Und als eines Tages ein stattlicher Bursche
von einem Nachbarort als Freier auf den Hof kam, sperrte der
alte Gruber seine Tochter mit deren Einverständnis in einen
Schrank. Zu dem Besucher sagte er: "Die Viktoria ist nicht
da. Die kommt auch so schnell nicht zurück." Daraufhin
ging der Bursche wieder.
Annäherungsversuche bei der Magd hatte der alte Gruber nie
gemacht. Trotzdem sah Viktoria in ihr eine Konkurrentin. Kreszenz
hatte mehr als einmal den Eindruck, dass Viktoria mit ihr eiferte.
Kreszenz brachte auf dem Hof noch ihr uneheliches Kind zur Welt,
das sie auf Anordnung der Behörden in eine Pflegefamilie
gehen musste, und kündigte mit den Worten: "Ich bleib
nicht mehr länger, sonst werden wir alle noch einmal erschlagen."
Doch die Brüder Anton und Karl haben beide ein wasserdichtes
Alibi für die Mordnacht. Wilderei, der Diebstahl von Schafen
oder von einem Sack Getreide - die Brüder haben einiges
auf dem Kerbholz. So sehr aber vor allem Kriminalkommissär
Neuß ihnen den Mord nachweisen wollte, mit diesem Verbrechen
dürften sie wirklich nicht das geringste zu tun zu haben.
Auch nicht deren Freund, der Knecht Georg, der am helllichten
Tag bei den Hinterkaifeckern eingestiegen war. Er hatte, während
alle auf den Feldern waren, eine Stange an die Giebelseite des
Wohnhauses gelehnt und war durch ein offenes Fenster eingedrungen.
Er klaute geräuchertes Fleisch, Eier, Brot und Kleider,
auch Kindersachen.
Von weitem hatte Viktoria die Stange bemerkt und war heimgeeilt.
Sie sah aber nur noch, wie Georg das Anwesen durch die Scheune
verließ. Auf seiner Flucht verlor er einige Kinderkleider.
Und wieder kann Georg Reingruber sich nur wundern: Auch den Georg
hatte die Witwe kurz nach dem Weggang der Magd wieder eingestellt.
Doch der Knecht blieb nur zwei Tage und lief dann davon.
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© Peter Leuschner:
Der Mordfall Hinterkaifeck. Spuren eines mysteriösen Verbrechens,
apus Verlag, 1997
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