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Mit dem Spielen giengs nicht recht mehr, und die Handarbeiten
waren eine Lexion, die man, (schnell vollbringend das Aufgegebne)
abschüttelte, und die dem lebendigen Geiste gar keine Nahrung
ab. Diese aber fand er desto reichlicher in der großen
schönen Totenkapelle, welches helle majestätische Kreuzgewölbe
den geliebten Kirchhof, an der südwestlichen Seite einschloß.
Da wurden die prächtigen Grabmäler, die schweren ungeheuren
Marmorsarkophage, die sammetbekleideten und goldbesetzten Särge
bewundert; die Inschriften gelesen, und manches Monument von
einem höheren Sinne allegorisch belebt, ward verstanden,
und mit Wehmuth gefühlt. Allein mitten im Boden der Kapelle
war eine Gruft, worin die Leichen nicht verweseten, und diese
war um die Merkwürdigkeit bequem zeigen zu können,
immer unverschlossen. Das Grab war bis oben hinauf voll, und
zu Oberst, wenn man die hölzerne Lücke auffschlug,
stand der Sarg eines kleinen Kindes, welches, obschon seit hundert
Jahren begraben, doch noch unverweset war, so daß man ihm
das goldbesetzte Häubchen abnehmen, und wieder aufsetzen
konnte - dieses zu sehen, ermüdete ich nie; der Totengräber
war schon lange mein Herzensfreund, that mir alles zu Liebe,
und öffnete mir das Grab so oft ich wollte! Kurz, das tote
Kind ist meine letzte Spielpuppe gewesen; ich raubte zuweilen
sogar kleine Mützen der Schwester, um sie dem toten Lieblinge
aufzusetzen, ohne alles Grauen, und immer mit dem Bewußtsein,
diese stau bige Hülle werde ja einst ein kleiner Engel.
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