Das Volksmärchen
Unter Märchen werden mehrgliedrige, handlungsfreudige Erzählungen wunderbaren Inhalts verstanden, die keinen Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben und unabhängig sind von den Bedingungen der Wirklichkeit mit ihren Kategorien Zeit, Raum und Kausalität. Die Neigung zur Schilderung übernatürlicher und wunderbarer Begebenheiten teilt das Märchen mit den verwandten Gattungen Sage, Legende, Mythos und Fabel. Man unterscheidet gewöhnlich zwischen Volksmärchen und Kunstmärchen: Volksmärchen wurden mündlich überliefert und sind anonymer Herkunft; eine individuelle Urheberschaft ist selten festgehalten. Kunstmärchen sind die Werke einzelner Dichter und genau fixiert; sie benutzen vom Volksmärchen bekannte Schemata und vermitteln ebenso die Vorstellung des übernatürlich Wunderbaren. Der Begriff Märchen ist besonders mit dem Namen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm verbunden. Ihre Sammlung "Kinder- und Hausmärchen" hat sowohl in der Anlage (dem Märchenstil) als auch in der thematischen Begrenzung einen nicht zu übersehenden Einfluß auf Anthologien anderer europäischer und nicht europaischer Länder gehabt. Als Höhepunkt der Sammeltätigkeit und der Veröffentlichung "neuer" Märchen gilt allgemein das 19. Jahrhundert.
In ihren weitgefaßten Begriff von Märchen bezogen die Grimms auch Tiergeschichten, Fabeln, Legenden, Novellenstoffe, Schwänke und Lügengeschichten mit ein. Zu den populärsten Erzählungen gehören jedoch zweifelsohne die Zauber- oder Wundermärchen mit der glücklichen Bewältigung von Abenteuern durch einen Helden oder eine Heldin. Den Handlungsträgern helfen Tiere oder wunderbare Gestalten wie Riesen, Feen, usw. bei der Lösung schwieriger oder unlösbar scheinender Aufgaben und der Überwindung von Gegenspielern.
Der größte Teil der Märchen durfte entstehungsmäßig den letzten Jahrhunderten zuzurechnen sein. Nur weniges reicht über das Mittelalter hinaus. Allerdings enthalten Märchen häufiger sogenannte archaische Züge, ohne daß daraus auf das Alter der Erzählungen geschloßen werden könnte.
Problematisch erscheint die Frage nach der Dominanz mündlicher oder schriftlicher Tradierung. Bis in die heutige Zeit ist noch verschiedentlich die von den Brüdern Grimm und anderen vertretene Ansicht zu hören, Märchen wie auch andere Volksdichtung seien "aus dem Volke geschöpft," mithin mündlich und jahrhundertelang überliefert, aber diese Annahme spiegelt reines Wunschdenken wider. Die orale Tradition war und ist im deutschsprachigen Gebiet nicht dominant, allenfalls kann man von einer wechselseitigen Abhängigkeit zwischen oraler und literarischer Tradition ausgehen.
Vorbilder und Quellen für deutsche Märchen sind vielfach in der international verbreiteten Erzählungsliteratur zu suchen. Stoffe,Typen und Motivbestand des Märchens sind demnach nicht spezifisch deutsch, sondern es handelt sich um gemeinsames europäisches Kulturgut. An bedeutenden Kompilationen sind etwa zu nennen: die "Gesta Romanorum" aus dem 14. Jahrhundert, welche sich meist auf Handlungen römischer Kaiser beziehen und zahlreiche märchenartige Erzählungen enthalten; die italienischen Novellensammlungen von Boccaccio (1313 - 1375), Basile (1575 - 1632) und Straparola (1480 - 1557); die zahlreichen Sammlungen französischer Feenmärchen des 17. und 18. Jahrhunderts, von denen die Märchen Charles Perrault's besonders einflußreich waren, z.B. "Rotkäppchen" und "Dornröschen"; die arabischen Erzählungen aus "1001 Nacht," die von Antoine Galland im 18. Jahrhundert in Europa bekannt gemacht wurden; die großen indischen Sammlungen wie "Paficatantra" mit vielen Übersetzungen und Bearbeitungen, oder "Kathisaritsdgara" des Somadeva aus Kaschmir.
In unserer Zeit dominiert das Buchmärchen, also die schriftlich fixierte Faßung eines Märchens. Aufzeichnungen aus mündlicher Tradition entpuppen sich als Wiedergaben gedruckter Märchen, die nicht selten durch den mündlichen Vortrag, besonders am Anfang und am Schluß, variiert werden. Sehr beliebt sind auch sprachkritische oder politische Parodien von Märchen wie z.B. "Rotkäppchen auf Mathematisch," "Rotkäppchen in der Scene," usw. Innerhalb der Kinder- und Jugendliteratur kommt den Märchen eine große Rolle zu. Sie werden heute aber nicht ausschließlich durch das Buch vermittelt, sondern in starkem Maße auch durch Hörfunk, Fernsehen, Film, Schallplatte und Kassette.http://artsci.wustl.edu/~langproj/gslides/maerchen/dmaerchen/index.html