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porträt tom tykwer


Maximal experimentieren
Ein Filmfreak auf dem Weg nach oben: Tom Tykwer gewann zuletzt für Winterschläfer“ den Bundesfilmpreis, mit Lola rennt“ steht ihm nun auch der Durchbruch an der Kinokasse bevor.
Tom Tykwer : "Es ist wichtig, einen Stilwillen zu formulieren, ohne sich an ihn zu verlieren"

Lola rennt (1998)

Alle reden über Roland Emmerich, dabei hat Tom Tykwer seinen ersten "Godzilla"-Film schon mit zwölf gedreht. Das Giga-Reptil war zwar nur ein Bausatz aus Plastik, aber dafür sahen die Faller-Häuschen und Matchbox-Autos, die das Klebstoff-Monster zerdepperte, schon täuschend echt aus. Na ja, fast. Was kümmern einen kleinen Jungen körnige Super-8-Bilder und ein monoton glotzender Godzilla, wenn er seinen großen Traum vom Kino ausleben kann?
Den träumt Tom Tykwer, seit er als Achtjähriger den alten RKO-Klassiker "King Kong" sah. In seiner kindlichen Wahrnehmung war bis dahin Film so etwas wie eine zweite Realität gewesen. Als Kong mit der Seeschlange kämpfte und den Saurier bezwang, begriff der Junge erstmals, daß hinter den bewegten Bildern eine eigene organische Schöpfung steckt. Und jetzt wollte er wissen, wie das geht. Als hartgesottener Horrorfan drehte er selbstgeschnitzte "Remakes" seiner Lieblingsfilme, die meist unter dem Logo der Hammer- und Universal-Studios firmierten: "Invasion der Körperfresser", "Horrormonster schlagen zurück", eben alles, was matscht und schmuddelt. Einige dieser frühen Tykwers sind in verschnürten Pappkartons erhalten geblieben, wo sie nach dem Willen ihres Machers auch bleiben sollen. Es gab noch viel zu tüfteln und zu tykwern, bis der besessene Regie-Autodidakt seinen ersten Kurzfilm "Because" auf den Hofer Filmtagen 1991 aufführte - nebenbei ein früher Entwurf von "Lola rennt", in dem die Chronologie ebenfalls auf den Kopf gestellt wird.

Heute, mit 33, beherrscht Tykwer alle Ausdrucksformen und Stilmittel des Bildermediums, aber er ist immer noch auf der Suche. Es gibt da eine Ahnung, die Ahnung vom absoluten Kino, das ihm nicht aus dem Kopf geht: "Nimm irgendeinen Menschen. Drück ihm eine Fernbedienung in die Hand und laß ihn zappen, nur um zu sehen, wo er hängenbleibt. Er weiß nicht, daß du auf Kanal 36 einen Hitchcock versteckt hast, Der unsichtbare Dritte‘ meinetwegen. Ich schwöre, wenn er einmal auf Kanal 36 gelandet ist, bleibt er da hängen. Alle bleiben da hängen. Und dem möchte ich auf die Spur kommen."

Mit 27 legte Tom Tykwer sein Kinodebüt "Die tödliche Maria" vor, das noch ein wenig unter den Horror-Manierismen seiner Kindheit litt. Aber bereits seine zweite Regie-Arbeit, "Winterschläfer", offenbarte eine erzählerische Tiefe und eigenständige Bildsprache, die der deutsche Film in dieser Kombination viel zu selten aufweist. Bei- de Werke waren an der Kasse mäßig erfolgreich, genießen aber einen langlebigen, stetig wachsenden Kult-Status. Mit "Lola rennt" hat Tykwer nun einen Film gedreht, der seiner Idealvorstellung vom sinnlichen Erlebniskino am ehesten entspricht: "Lola" wirkt ohne die geringsten inhaltlichen Abstriche ungleich konsumierbarer und spielerischer als seine Vorgänger und formuliert gleichzeitig einen unbedingten Stilwillen: "Ich will den Film als Zeichen verstanden wissen. Lola rennt‘ soll wie eine Captagon-Spritze für die Branche sein." Mehr noch: "Ich will, daß Filme wieder Kraft und Energie besitzen und die Leute durchgeschüttelt aus dem Kino kommen."

Das sagt einer, den der Traum vom Kino fast selbst in einen lebensfernen Winterschläfer verwandelt hätte. Tom Tykwer kam 1965 in Wuppertal zur Welt und arbeitete schon mit 14 im Kino. Als Vorführer des Wuppertaler "Cinema" verfügte Tom über die Generalschlüssel für drei Säle - und im Filmschrank lagerte eine hauseigene "Blade Runner"-Kopie. "Das war das Paradies für mich", begeistert sich Tom. "Wann immer ich wollte, konnte ich nachts um eins von innen abschließen und mir allein Blade Runner‘ ansehen. Das habe ich mindestens fünfzig Mal gemacht." Alles Wissenswerte über die Welt bezog Tykwer aus dem Projektor: "Ich bin nicht nur in meiner filmischen, sondern auch meiner gesamten Bildung zu 80 bis 90 Prozent vom Kino sozialisiert. In der Schule schrieb ich Geschichtsklausuren auf der Basis meines Wissens aus Quo Vadis‘ und Ben Hur‘. So kriegt man immer ’ne Vier." Daß er in dieser Phase nicht vollends zum Kino-Junkie mutierte, verdankt er einigen Freunden, die ihm die Augen dafür öffneten, daß es auch ein Leben außerhalb des Kinos gibt: "Das hat mich davor bewahrt, ein introvertierter Super-Fachidiot zu werden."

Nach dem 3,6-Abi in der Schwebebahnstadt und dem Zivildienst in Frankfurt zog er nach Berlin, "wo ich die letzte Blüte der Programmkino-Kultur erlebte". Er arbeitete fast zehn Jahre im Kreuzberger "Moviemento", wo sich der Stamm der späteren Produktionsfirma X-Filme Creative Pool formierte, der 1994 von Tykwer und Produzent Stefan Arndt gegründet wurde. Das Programm der Film-Factory, unter deren Logo auch die Regisseure Wolfgang Becker ("Das Leben ist eine Baustelle") und Dani Levy ("Stille Nacht") arbeiten, entspricht Tykwers Verständnis vom zeitnahen Kino zwischen Phantasterei und Professionalität, Mainstream und Magie. Seine Filme liegen immer irgendwo dazwischen, erzeugen Irritationen, die im Gedächtnis bleiben, und stimulieren die subjektive Wahrnehmung des Sehers. Filmoholic Tykwer, der derzeit vier Projekte vorbereitet, eine bizarre Liebeskomödie und drei Thriller, wird nie einen Film so drehen, wie ihn ein anderer schon gemacht hat. "Es ist wichtig, beim Erzählen maximal wahnsinnig zu experimentieren", lautet sein Credo. "Natürlich müssen die Konflikte stimmen und die Geschichte tragen, aber die Filme, die ihre Zeit überdauert haben, waren immer die, die für ihren Plot einen ganz ungewöhnlichen Ausdruck fanden." Da ist es ja, das Geheimnis von Kanal 36.

Filmographie:

Die tödliche Maria (1993)


Winterschläfer (1997)


Lola rennt (1998)

Text: Heiko Rosner / Fotos: Thomas Leidig, CINEMA

© http://www.cinema.de/archiv/portraet/9808/tykwer/tykwer.html