Tom Tykwer im Spielfilm.de Interview

Spielfilm.de:
"Lola rennt" hat bereits das Prädikat "schnellster deutscher Film der Zelluloidgeschichte" verliehen bekommen. Stolz?

Tom Tykwer:
Nö. Ich habe nie gedacht: So jetzt schneide ich mal ein wenig schneller, dann wird auch der Film schneller. Absoluter Quatsch. Ab und zu habe ich fünf Minuten gar nicht geschnitten. Bei "Armageddon" zum Beispiel fragt jemand nach dem Wetter und Michael Bay (der Regisseur, "die Red.") schneidet, als ob gleich die Welt untergeht. (lacht) Gut, in dem Film trifft das tatsächlich zu aber es nervt mich einfach tierisch.

Spielfilm.de:
Im Film spielen, so scheint es, Franka Potente und Moritz Bleibtreu die Rollen ihres Lebens. Täuscht der Eindruck?

Tom Tykwer:
Franka spielt das echt irre. Ich habe sie auch gar nicht gecastet. Ich dachte schon an sie, während ich das Expose zum Film geschrieben habe. Ich habe sie in “Nach fünf im Urwald” gesehen. Sie schafft es, immer ein Mensch zu sein, trotz der skurrilen Story von “Lola rennt”. Sie ist jemand, den Du als Kinogänger immer zu kennen glaubst. Ein Typ aus der Clique. Sie sieht einfach echt aus, als ob sie immer außer Atem gewesen wäre. War sie übrigens auch. Sie hat vor den Dreh's immer irre Runden gedreht damit sie wirklich keine Luft mehr hat, die Arme. Moritz war die sinnvolle Ergänzung. Du siehst die beiden und denkst: Oh Gott, die müssen doch zusammen bleiben.

Spielfilm.de:
Dank der fast experimentellen Inszenierung sprechen viele von einem “Filmclip”. Paßt “Lola rennt” auch ins MTV-Programm?

Tom Tykwer:
Ich finde, der Zusammenhang zu einem MTV-Videoclip ist nicht existent, absolut null. In den Videoclips von heute gibt es kaum noch eine echte Story. Es dominieren die Effekte. Die sind zugegebenermaßen ganz nett, aber was sind Effekte? Effekte sind wie Achterbahnfahren, aber wer will schon sechs Stunden lang hintereinander Achterbahnfahren? Da kotzt man doch.

Spielfilm.de:
“Lola rennt” und der Kinogänger denkt: Die Spannung, die Szenendichte.. hey, das kenne ich doch. Manchmal erinnert Ihre Regie an den Großmeister der Filmkunst, Sie wissen, wen ich meine?

Tom Tykwer:
Na klar, aber Hitchcock ist halt auch der Kaiser. Er ist die Spitze, dahinter kommt erst mal ein Bretterzaun und ganz lange gar nichts. Als einziger hat er es wirklich geschafft, einen Riesenhaufen an Filmen zu machen, die tierisch locker von der Hand gehen und echt Spaß machen aber trotzdem wahnsinnig viel Substanz haben. Ganz hinten in der Krabbelkiste des Films gibt es wahnsinnig viele Nebenhandlungsstränge. Die Charaktere leben wirklich, daß merkt man gar nicht beim ersten Mal schauen. Aber sie leben.

Spielfilm.de:
Für “Lola rennt” wünschen Sie sich in Deutschland mindestens eine halbe Million Zuschauer. Das erinnert mich an die Ansprüche, die Sie an “Winterschläfer” hatten.

Tom Tykwer:
Bei “Winterschläfer” gab es auch ein größeres Potential an Kinogängern als dann letztendlich wirklich rein gegangen sind. Ich wollte eigentlich schon 300 bis 400000 Leute im Kino erreichen, aber es waren gerade mal 160000. Da war einfach die Presse schlecht, aber auch total uneinheitlich. In Köln hat er nur Hausrekorde gemacht und dreimal mehr als zum Beispiel in Berlin eingespielt. Dort wurde er auch verrissen. Was Ihr als Presseleute zum Beispiel bei “Armageddon” schreibt, ist scheißegal. Der läuft so oder so. Aber ich bin eben auf gute Kritiken angewiesen also bitte (schmunzelt), reiß Dich zusammen.

Spielfilm.de:
Aber es würde vielleicht helfen, wenn der Regisseur Sönke Wortmann oder so heißen würde. Tom Tykwer ist den Kinogängern noch kein Begriff...

Tom Tykwer:
(Verschluckt sich am Kaffee) Hey, Ich hab doch erst zwei Filme gemacht, nun gib mir doch ein bißchen Zeit. Regisseure stehen doch sowieso eher im zweiten Glied, es sei denn, du hast so ein Knaller wie Sönke. Ich hatte halt noch keinen Hit, das ist ja ganz trivial. Macht auch nichts, aber so langsam mu§ er kommen. Ich kann jetzt nicht ewig predigen, daß ich anspruchsvolle Filme für ein breites Publikum machen möchte und die Zahlen können es nicht einlösen. (Wird nachdenklich). Aber ehrlich: Wenn “Lola rennt” kein Hit wird, dann weiß ich auch nicht mehr...

Spielfilm.de:
Also große Kasse vorprogrammiert?

Tom Tykwer:
Na ja. Das einzige, was ich mir vorstellen kann, ist, daß wir in den ersten drei Wochen draußen 40 Grad im Schatten haben, dann kommt “Godzilla” und dann sind wir platt. Das kann Dir natürlich immer passieren. Damit muß man rechnen. Wobei, das wäre ja dann Pech.

Spielfilm.de:
Und in einigen Jahren wird “Lola rennt” dank seiner experimentellen Art als Referenzfilm in den Kinokarteien geführt. Tom Tykwer schreibt Kinogeschichte?

Tom Tykwer:
Nein, obwohl es schön wäre. Ich wäre schon froh, wenn der Kinogänger Spaß an meinem Film hat. Ich bin ja selbst so ein Kinogänger, das fließt auch in meine Filme ein. Ich gucke mir natürlich auch die Mega-Blockbuster an, aber auch die Hardcore-Kunst-Experimental-Senegalesischen-Dokumentarfilme mit Untertiteln. Es muß einfach nur gut sein. Ich bin halt sehr kino-sozialisiert. (Grübelt) Wenn ich recht überlege, habe ich sogar einen erheblichen Grad meiner Bildung aus dem Kino. Früher habe ich meine Geschichtsklausuren auf dem Basiswissen eines “Ben Hur” oder “Quo Vadis?” geschrieben. Dabei ist sogar noch 'ne Vier rausgesprungen. Ist das nichts?

Spielfilm.de:
Doch, doch. Vielen Dank für das Gespräch.

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Das Interview führte Oliver Frühauf