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Kapitel 6
"Diese Stiefel kenn´
ich gut"
Auf Initiative von Altbundespräsident Roman Herzog gedenkt
Deutschland heute der Opfer des Nazi-Terrors. Jacob Gower hat
die Gewalt gegen Juden in Schleswig-Holstein miterlebt. Nur um
Haaresbreite konnte sich der gebürtige Kieler der Deportation
entziehen: Die Eltern und drei Geschwister wurden im Dritten
Reich umgebracht.
- "Diese Stiefel kenn´ ich gut" schaudert Jacob
Gower über Aufmärsche von Neonazis. Als Kind und Jugendlicher
in Kiel hat er erlebt, wie sieh der Antisemitismus erst leise
und schließlich lebensbedrohlich Bahn gebrochen hat.
Bis ins fünfte Lebensjahr reicht de Erinnerung des heute
81-jährigen an braunen Terror zurück. Man schrieb zwar
erst das Jahr 1924 - doch bereits so lange vor Beginn des Dritten
Reiches war sein Elternhaus im Kronshagener Weg Ziel einer nationalsozialistischen
Schlägertruppe. Der Vater der aus Galizien zugewanderten
Familie galt als "König der Ostjuden in Kiel",
war eines der prominentesten Mitglieder der dortigen Gemeinde
. Mehr als 20 Nazis hätten vor der Haustür Hasslieder
skandiert. Auch die Tür hatten sie versucht aufzubrechen.
Weil die Familie Telefon hatte und die Polizei alarmieren konnte,
wurde im letzten Moment ein Übergriff verhindert. 1933,
im Jugendalter, machte Gower dann ein Schlüsselerlebnis
klar, dass sich der Wind grundlegend gedreht hatte: "Ein
Mitschüler; der sonst immer Angst vor mir hatte, weil ich
als ziemlich kräftig galt, drohte mir plötzlich Prügel
an, nachdem er eine Jungvolk-Uniform angezogen hatte. Und auf
einem Balkon über uns stand eine Frau und sagte: 'Hau den
Juden'". Zu physischem Druck kam psychischer: Der Boykott
gegen jüdische Geschäfte zeigte Wirkung. Den Eltern
brach die Kundschaft für ihre drei Läden weg, in denen
vornehmlich Arbeiter auf Raten Textilien kaufen konnten. Bis
1936 waren schon vier von insgesamt neun Geschwister emigriert;
die Eltern ins anonyme Berlin gezogen. Gower verpasste die Chance
zur Ausreise nach Palästina denkbar knapp. In Hamburg hatte
er eine Ausbildung zum Landwirtschaftshelfer begonnen. Doch England,
damals vom Völkerbund, mit der Verwaltung Palästinas
beauftragt, erteilte Einreisegenehmigungen nur unter 18-Jährigen.
Gower jedoch war wenige Monate älter. So besorgte der Betreiber
des jüdischen Ausbildungshofs für die höheren
Jahrgänge Arbeit und Unterkünfte in Dänemark.
Am 18. Mai 1938 ging Gower bei Flensburg über die Grenze
-"nach einer demütigenden Kontrolle, bei der wir uns
vor der Ausreise bis auf die Haut ausziehen mussten".
Anders als erwartet sollte sich die Emigration in den Norden
keineswegs als Ruhekissen erweisen. "Nie hatten wir damit
gerechnet, dass die Wehrmacht Dänemark besetzen würde",
erzählt Gower. Doch am 9. April 1940 war es soweit. Solange
niemand seine Papiere verlangte, konnte sich Gower Deutschen
gegenüber als Däne geben - so gut hatte er die Sprache
gelernt. Stolz ist der geflüchtete Kieler auf eine Begegnung
mit einem Besatzungssoldaten, der im Tausch gegen Buttermarken
seinen Revolver hergab. Die Waffe leiteten Gower und ein Freund
an dänische Widerstandkämpfer weiter.
Als diese immer lauter gegen die Besatzungsmacht aufmuckten,
zogen die Deutschen die Zügel an, und Ende August 1943 hörten
die emigrierten Juden, dass sie nun auch aus Dänemark gezielt
entfernt werden sollten. Beinahe wöchentlich musste Landknecht
Gower seine Unterkünfte wechseln, und er ist sich sicher:
"Hätte es die dänische Polizei nicht gegeben,
wäre ich deportiert worden." Als der Verfolgte auf
dem Kopenhagener Hauptbahnhof aus einem Zug gestiegen war, erblickte
er deutsche Kontrolleure am Ende des Bahnsteigs. Kurz davor patrouillierte
ein dänischer Ordnungshüter, und den sah Gower als
seine letzte Chance: "Er solle mich sofort verhaften, sagte
ich ihm, . und- binnen Sekunden hatte der Polizist begriffen."
So kam der Jude um die Falle herum und nach vielen weiteren Abenteuern
in das seeländische Küstenstädtchen Gilleleje,
von wo ihn am 6. Oktober 1943 ein Fischerboot über den Öresund
ins neutrale Schweden rettete, nachdem eine "Wand"
aus etwa 50 Fischern die an
Bord kletternden Flüchtlinge vor den Besatzern abgeschirmt
hatte.
Seine Eltern und drei Geschwister hat Gower nie wieder gesehen;
besitzt nur vage Hinweise, in welchen Konzentrationslagern sie
offenbar ermordet wurden.
Längst in Palästina zu Hause, kehrte Gower 1957 als
Tourist zum ersten Mal nach Kiel zurück: "In unserer
alten Nachbarschaft traf ich im Gemüseladen noch dieselbe
Verkäuferin vor wie früher. Als sie mich sah, sagte
sie verlegen: 'Wir haben nichts gewusst.' Das habe ich nicht
ausgehalten. Ich drehte mich um und ging weg." Ende der
60-er Jahre kehrte Gower aus beruflichen Gründen als Industrie-Manager
zurück und lebt jetzt in Frankfurt am Main. "Doch Zweifel
bleiben", sagt er und kann nicht fassen, dass Rechtsradikale
sich immer wieder auf der Straße sehein lassen.
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