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Kapitel 4
Körperkult und Macht der Bilder
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Leni Riefenstahl. Die deutsche Filmgeschichte hat wohl keine
andere Regisseurin zu verzeichnen, die derart umstritten ist
und gleichzeitig nach wie vor begeistert und fasziniert.
Die inzwischen 98jährige Riefenstahl begann ihre Karriere
als Tänzerin und fand über die Schauspielerei schließlich
zur Regiearbeit. Ihr Regiedebüt, der Bergfilm Das blaue
Licht (1932), wurde in Venedig sogleich mit der Silbermedaille
ausgezeichnet. Dieser Film war dann auch der Auslöser für
ihr erstes Treffen mit Adolf Hitler und die darauffolgende Freundschaft
mit dem NSDAP-Parteiführer. Dass sie ein Verhältnis
mit Hitler hatte, bestreitet Riefenstahl allerdings bis heute
vehement.
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Nichtsdestotrotz ließ sich die Berlinerin willig von den
Nationalsozialisten einspannen und lieferte der Partei eine Reihe
von Propaganda-Filmen, die in ihrer erschreckenden Ästhetik
bis heute ihresgleichen suchen.
Ob sich die Riefenstahl hierbei naiv-geschmeichelt verhielt und
die Aufmerksamkeit und Geldmittel der Nazis schlicht dankbar
entgegennahm, oder ob sie egoistisch-berechnend vorging und dabei
bereit war, über das wahre Wesen des Terror-Regimes hinwegzusehen
oder ihm gar filmisch nach dem Mund zu reden, wird wohl nie ganz
zu klären sein.
Riefenstahl für ihren Teil streitet diesbezüglich jeglichen
bösen Willen ab. Dennoch ist nicht zu übersehen, in
welchem Maße die Regisseurin in ihren Werken die faschistische
Ästhetik bediente und feierte.
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Triumph des Willens, ihr zweiter Film im Auftrag der Partei,
dokumentiert (wie auch Sieg des Glaubens 1933) die Massenaufmärsche
beim Nürnberger Reichsparteitag von 1934. Licht- und Musikeffekte
spielen mit Riefenstahls einzigartigen Schnitt-Technik geschickt
zusammen, um dem Heer von Nazis und ihrem Führer eine geradezu
mythische Aura zu verleihen. Choreographie und Symbolik werden
hier in nie zuvor dagewesener Weise propagandistisch überhöht.
Der Deutsche Filmpreis, die Goldmedaille in Venedig und der Internationale
Große Preis auf der Pariser Weltausstellung waren der Lohn.
Am bekanntesten ist Leni Riefenstahl allerdings für ihre
zweiteilige Dokumentation der Olympischen Spiele 1936 in Berlin.
In 18 Monaten schnitt die Regisseurin 500.000 Meter Filmmaterial
zusammen, um dann die insgesamt vierstündigen Beiträge
Fest der Völker und Fest der Schönheit zu präsentieren.
In einer Zusammenblendung antiker griechischer Motive und moderner
Wettkämpfe wird Sport zur Kunst erhoben, die Schönheit
gesunder, wohlgeformter Körper gefeiert und verherrlicht.
Olympia war nicht mehr nur sportlicher Wettkampf, sondern sinnlicher,
ja geradezu pathetischer Körper- und Heldenkult. Für
dieses Werk erhielt die Riefenstahl neben dem ersten Preis in
Venedig auch nachträglich eine olympische Goldmedaille sowie,
drei Jahre nach dem Krieg, das olympische Diplom. Und trotz des
Wissens darum, dass sie dem faschistischen Ideal von Schönheit
entsprechen, vermag die Ästhetik von Riefenstahls Olympia-Bildern
auch heute noch zu faszinieren. Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte
hat keine geringe Zahl von Fotografen ihre Modelle in riefenstahlesker
Weise in Szene gesetzt.
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- Die Nähe zum NS-Regime hat der Riefenstahl nach dem
Krieg natürlich erhebliche Kritik eingebracht. Maßgeblich
hierfür waren nicht nur die bekannten Propagandafilme, zu
denen auch Tag der Freiheit - Unsere Wehrmacht (1935) zählte,
sondern auch Umstände, die den Film Tiefland begleiteten.
Für dieses Werk hatte Riefenstahl 60 Sinti und Roma aus
Konzentrationslagern rekrutiert, sie nicht entlohnt und ihnen
angeblich fälschlicherweise die Rettung vor der Deportation
versprochen. Zwar wurde sie 1948 von diesen Vorwürfen vor
Gericht freigesprochen, musste ihre Taten jedoch 1982, wenn auch
sehr zögerlich, zugeben.
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- So sehr konnte sich die Riefenstahl aber, trotz aller Kritik,
als künstlerische Institution behaupten, dass man sie 1972
offiziell als Fotografin der Olympischen Spiele von München
akkreditierte. Die Fotografie wurde ohnehin immer mehr zu ihrem
Steckenpferd, und ihre Bilder vom Stamm der Nuba in Afrika sowie
Unterwasseraufnahmen aus tropischen Gewässern ernteten international
Lob und Anerkennung.
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- Bis zum heutigen Tage ist die Riefenstahl eine streitbare
Person. Jodie Foster untersagte sie kürzlich, für deren
geplantes Filmprojekt über ihr Leben ihre 1987 erschienene
Biographie zu verwenden.
Komplizenschaft mit dem NS-Regime wird sie vermutlich bis an
ihr Lebensende abstreiten und sich auf ihre reine Rolle als Künstlerin
berufen. Ob sie hierbei sich selbst oder ihre Kritiker belügt,
wird wohl kaum mehr zu klären sein.
Dennoch: Die mehrfach für ihr Lebenswerk ausgezeichnete
Künstlerin wird mit der kühlen Strenge und unverspielten
und heroischen Ästhetik ihrer Bilder mit großer Wahrscheinlichkeit
noch Generationen von Fotografen beeinflussen. (kw)
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