Kleine Kinder und Klarinetten
100 Jahre Erich Kästner: Die Oscar-Nominierte Caroline Link verfilmte Pünktchen und Anton
Mit einem einzigen Film schoß sie auf Deutschlands Filmolymp: Jenseits der Stille wurde 1996 zu dem Überraschungserfolg im Kino. Die Geschichte mit Silvie Testud als Klarinettistin, die hin- und hergerissen ist zwischen ihren eigenen Lebensträumen und der Bindung zu ihren taubstummen Eltern, wurde zum Kassenrenner und nach zahlreichen Auszeichnungen sogar für den Oscar nominiert. Gut zwei Jahre sind seitdem vergangen, und Caroline Links neuer Film startet nun in den Kinos: Pünktchen und Anton.Im Hamburger Hotel Atlantic sprach SUBWAY mit der jungen Regisseurin über Erich Kästner und die sonnige Seite des Erfolges.
SUBWAY: Wie sind Sie zu Ihrem neuen Projekt gekommen?
Von einer Münchner Produktionsfirma kam das Angebot, einen Kästner-Film zu machen, auch Das fliegende Klassenzimmer und Emil und die Detektive standen im Raum. Der 100. Geburtstag kam denen natürlich sehr recht. Ich konnte mit Pünktchen und Anton sehr viel anfangen, weil mir die Mädchen-Figur gut gefällt, die sehr keck, sehr frech und sehr unmädchenhaft ist. Ich habe auch solche Filme wie Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter immer sehr gemocht, weil sie Mädchen zeigen, die anders sind, als man das gemeinhin so erwartet. Abgesehen davon gibt es von Emil auch schon einen ganz tollen Film, zu dem Billy Wilder das Drehbuch geschrieben hat. Und ich denke, mit ihm muß ich nicht unbedingt in einen Ring steigen.Ein Drehbuch, mit dem Erich Kästner jedoch nicht einverstanden war.
Ich weiß, aber Kästner war mit nichts einverstanden, was er nicht selber geschrieben hat. Er war da sehr, sehr streng. Zum Teil berechtigt, zum Teil nicht. Er wollte wohl hauptsächlich verhindern, daß etwas verändert wird. Doch wenn ein Buch verfilmt wird, muß man etwas anpassen.Wieviel ist von Ihnen verändert worden?
Es ist schon einiges anders, obwohl ich mich bemüht habe, den Film im Geist von Kästner zu schreiben. Er war aber für seine Zeit nicht unbedingt einer der modernsten, sondern eher konservativ und altmodisch, was ihm auch vorgeworfen wurde. Er hat immer geantwortet, daß es ihm um Werte geht, die zeitlos sind, die auch für alle Zukunft gelten. Besonders für Kinder, die wollen, daß sich die Eltern verstehen, das Ungerechtigkeiten aus der Welt geschaffen werden. Themen wie Freundschaft, Familie, Zusammenhalt.Sind dies die Werte, die Erich Kästner wichtig waren?
Darum ging es Kästner in vielen seiner Bücher, besonders Kindern Mut zu machen, sich für diese Werte einzusetzen. Das finde ich schön und absolut richtig. Sehr schwierig war es, die Rolle der Elli Gast zu definieren, die Mutter von Anton. Ich habe mich entschieden, eine Frau im Drehbuch zu beschreiben, die sehr jung Mutter geworden ist, alleinerziehend lebt, wie ich sie auch in meinem Umfeld kenne. Eine Frau, die nie die Gelegenheit hatte, sich beruflich zu etablieren und zwischen arm und reich balanciert. Die nochmal die Pfandflaschen wegbringen muß, um ihren Kindern etwas Süßes zu kaufen. Das ist ein Realismus, der etwas dezenter ist. Meine Wahl fiel schließlich auf Meret Becker.Gefällt Ihnen die Schublade Kinderfilm?
Ich habe ein Kinderbuch verfilmt, aber mich bemüht, die Figuren etwas dreidimensionaler zu gestalten, als Kästner das getan hat. Ich versuche, gerade die Eltern im Film so zu gestalten, daß auch erwachsene Zuschauer die Auseinandersetzungen zwischen Eheleuten ernst nehmen können und an der Geschichte ihren Spaß haben. Vorausgesetzt, daß sie sich für Kinder interessieren.Gibt es Werte bei Kästner, die Sie nicht so ohne weiteres übernehmen wollten?
Im Buch folgen nach jedem Kapitel die sogenannten Nachdenkereien, wo in kursiver Schrift Überlegungen zu Freundschaft, Loyalität und Mut stehen. Das ist heute ziemlich unerträglich, weil er dort sehr altmodische Überzeugungen vertritt. Gut finde ich, daß die Geschichte ein positives Ende nimmt und die Kinder ein optimistisches Gefühl mit nach Hause tragen unter dem Motto: es lohnt sich, sich für etwas einzusetzen. Kinder können unsere Welt verändern, müssen dafür auch manchmal frech sein und den Eltern in den Hintern treten. Das ist eine schöne Aussage, die ich auch absolut unterschreiben würde. Es ist doch furchtbar, wenn man den Kindern schon erzählt: gebt es auf, es ändert sich doch eh nichts.Ihr Film Jenseits der Stille war sehr erfolgreich. Ist Pünktchen und Anton nun so etwas wie eine Flucht in die Nische Kinderfilm, um den hohen Erwartungen zu entgehen?
Nein, für mich haben ja Kinder eine Bedeutung. Es ist ja nicht so, daß ich nie auf die Idee gekommen wäre, mal einen Kinderfilm zu machen. Es gibt Leute, die finden ganz toll, daß ich das verfilmt habe, andere finden es feige. Da möchte ich mir nicht so viele Gedanken machen, sonst wird man verrückt. Ich hatte zu der Zeit kein eigenes Drehbuch in der Schublade, wollte aber auch bald wieder drehen und nicht wie bei Jenseits der Stille drei oder vier Jahre warten, bis ich selber alles geschrieben und produziert habe. Und bevor ich so ein Action-TV-Movie drehe, interessiert es mich mehr, mich mit einem Autor wie Kästner auseinanderzusetzen. Daß ich als nächstes wieder etwas ganz anderes machen möchte, ist klar.Was hat sich durch den großen Rummel um die Oscar-Nominierung verändert?
Ich habe nicht mehr ganz so eine Existenzangst. Denn nach der Filmhochschule fragt man sich schon, kann ich in diesem Beruf überleben, habe ich überhaupt etwas zu tun. Und da ist es ein schönes Gefühl, wenn man merkt, ich kann arbeiten in meinem Beruf und kann mir vielleicht sogar aussuchen, was ich mache. Ein großer qualitativer Unterschied. Es ist ganz toll zu wissen, daß ich etwas schreiben kann, was mir am Herzen liegt, und das ich das auch irgendwie finanziert bekomme. Mein Beruf macht mir einfach wahnsinnig viel Spaß, und es ist wirklich ein großes Privileg, ihn so ausüben zu können. Oft machen einen die Journalisten da ganz verrückt: Bist Du nervös? Bist Du jetzt glücklich? Bin ich eigentlich glücklich? Oft kommt man gar nicht dazu, sich das zu überlegen. Der Erfolg von Jenseits der Stille ist ein großes Geschenk und ich will mich damit einfach nicht verrückt machen.Interview: Volker Peschel
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