JENSEITS DER STILLE
(112 min - f - Deutschland 1996)

In der Kategorie bester fremdsprachiger Film ist er für den Oscar nominiert worden, der überaus einfühlsam inszenierte Film JENSEITS DER STILLE, in dem die Welt der Gehörlosen im Mittelpunkt steht. An den Anfang der Besprechung dieses außergewöhnlichen Kinodebüts der Regisseurin Caroline Link sollen Gedanken aus einem Interview gestellt werden, bei dem die Filmemacherin unter anderem darauf eingegangen ist, wie ihr die Idee zur Geschichte von JENSEITS DER STILLE; gekommen sei.

Es war 1992 bei einem Amerikaaufenthalt, da Caroline Link ein Zeitungsartikel in die Hände fiel, der, wie sie sagt, ihr ziemlich unter die Haut gegangen sei und der letztendlich der Auslöser für umfangreiche Recherchen werden sollte. Im Mittelpunkt dieses Artikels standen fröhliche aber auch bewegende Begebenheiten, die eine Autorin als Kind, das sprechen und hören konnte, mit ihren gehörlosen Eltern erlebt hatte.

Diese Erzählungen ließen Caroline Link nicht mehr ruhen. Sie besorgte sich Literatur zum Thema, lernte Gehörlose kennen und besuchte Theater, die Stücke in American Signlanguage aufführten, und eine Universität, an der man von Medizin bis Kunstgeschichte alles in Zeichensprache studieren konnte. Und immer wieder äußerte sie sich zu diesen Begegnungen in dem Sinn, daß sie wunderbare und faszinierende gehörlose Menschen getroffen habe und daß sie fasziniert sei von der visuellen Kraft und Anmut ihrer Sprache.

Caroline Link ließ sich nicht mehr von ihrem Weg abbringen, einen Film zu diesem diffizilen Themenkomplex zu drehen, auch wenn sie von allen Seiten zu hören bekam, sie solle sich doch lieber etwas Leichtem zuwenden, da das Publikum Komödien wolle.

Um bei der Spurensuche weiterzukommen und die Intentionen von Caroline Link zu verstehen und einordnen zu können, seien aus dem genannten Interview einige Aussagen zitiert:

Caroline Link: "Ich habe in dem Thema die Möglichkeit gesehen, einige meiner Filmideen zu verbinden: Ich wollte eine Liebesgeschichte erzählen, einen Film machen über das Erwachsenwerden, darüber, wie schwer es ist, seinen Weg zuerst zu finden und ihn dann auch zu gehen."

"Ich mag Kinder. Ich arbeite gern mit ihnen. Ich finde sie bei weitem nicht nur niedlich, sondern interessant. Vor allem Kinder, die es schwer haben, die mit besonderen Lebensumständen fertig werden müssen, interessieren mich .... Ihre Geschichten sind wie Gleichnisse .... Durch ihre Augen kann man Geschichten von Krieg und Frieden, Liebe und Haß, Gott und der Welt erzählen und ihr Blick wird immer viel über den Zustand der Gesellschaft, in der sie leben, zu berichten haben."

"Ich möchte Geschichten erzählen, von denen ich sagen kann, sie stammen wirklich aus der Tiefe meiner Seele. Ich möchte Filme machen, die emotional sind, die nahe gehen. Für einen Moment ein Fenster aufgestoßen zu haben in eine fremde, faszinierende Welt: Das ist für mich Kino."

Zum Inhalt

Der Film erzählt die Geschichte des Mädchens Lara, das als Tochter taubstummer Eltern in einer kleinen Stadt in Süddeutschland aufwächst. Für Lara bedeutet das, daß sie schon mit acht Jahren in allen möglichen Lebenslagen verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen muß, da sie die einzige in der Familie ist, die hören und sprechen kann. Viele wichtige Kontakte zur Außenwelt laufen über Lara. Sie übersetzt alles für ihre Eltern in die Gebärdensprache, seien es Gespräche bei Kreditverhandlungen in der Bank, seien es Telefonate oder herzzerreißende Melodramen im Fernsehen. Ja sogar die Ermahnungen ihrer eigenen Lehrerin dolmetscht das junge Mädchen. Lara erträgt die Tatsache, quasi als Außenministerin der Familie zu fungieren, gelassen und für ihr zartes Alter verblüffend souverän.

Lara liebt ihre Eltern, und besonders zu ihrem Vater Martin hat sie ein sehr inniges Verhältnis. Martin versucht, seine Tochter für seine Welt zu begeistern. Gemeinsam spielen die beiden ihr Lieblingsspiel, das Erraten von Geräuschen: "Was für ein Geräusch macht die Sonne, wenn sie aufgeht?" "Wie klingt der Schnee, wenn er auf die Wiese fällt?" In dieser Welt der Stille wächst Lara geborgen und gleichsam isoliert auf, was sie mitunter auch als Belastung empfindet.

Als im Haus ihrer Großeltern Weihnachten gefeiert wird, begegnet Lara ihrer Tante Clarissa, der Schwester ihres Vaters Martin. Durch eine Klarinette, die das Mädchen von der sehr attraktiven Tante, die selbst eine ausgezeichnete Klarinettistin ist, geschenkt bekommt, eröffnet sich für Lara eine neue Dimension in ihrem Leben, die Welt der Musik. Das Mädchen ist von Clarissa, dieser ungewöhnlichen Frau, begeistert und angeregt durch sie, beginnt sie Klarinette zu spielen. Die Musik gibt Lara ganz neue Möglichkeiten, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, aber es entstehen Disharmonien in der Familie.

Martin merkt, daß er seine Tochter zu verlieren droht und reagiert zunehmend aggressiv. Verstärkt wird sein Mißtrauen dadurch, daß er sich mit Clarissa schon in der Kindheit nie sonderlich gut verstanden hat, da ihn seine Schwester immer ihre vermeintliche Überlegenheit spüren ließ. Aber Lara hat in der Musik eine neue, leidenschaftliche Sprache gefunden, von der sie nicht mehr lassen kann und will.

Zehn Jahre später ist ihr Klarinettenspiel so gut geworden, daß ihr Musiklehrer ihr zu einer professionellen Ausbildung rät. Als Clarissa das erfährt, schmiedet sie mit Lara Zukunftspläne. Sie bietet an, ihre Nichte zu sich nach Berlin zu holen und dort zum Studium auf die Musikhochschule zu schicken. Ihren Eltern erzählt Lara zunächst nichts davon. Als Laras Pläne bei Clarissas Geburtstag bekannt werden, kommt es zum offenen Streit. Martin fühlt sich übergangen. Für ihn ist Laras Entscheidung eine Entscheidung gegen ihn und für Clarissa. Dennoch zieht Lara nach Berlin, wo sie bei ihrer Tante und deren Ehemann Gregor wohnt und sich auf ihre Aufnahmeprüfung für das Konservatorium vorbereitet.

Als sie Tom, einen jungen Lehrer an einer Gehörlosenschule, kennenlernt, der wie sie bei taubstummen Eltern aufgewachsen ist, beginnt sie zu verstehen, daß ihre außergewöhnliche Kindheit kein finsterer Schatten in ihrem Leben sein muß, sondern lediglich eine ungewöhnliche Lebensgeschichte bedeutet. Tom hilft ihr, ihren eigenen Weg zu finden. Lara geht nun auch auf größere Distanz zur Tante, spürend, daß Clarissa in ihr mehr die Tochter sieht, die sie selbst nicht hatte.

Als sie die Nachricht vom plötzlichen Tod ihrer Mutter erreicht, kehrt Lara nach Hause zurück. Doch durch den Schicksalsschlag ist die Beziehung zum Vater schwerer belastet als zuvor, macht Martin sie doch für den Tod der Mutter verantwortlich. Lara habe die Mutter zum Radfahren überredet, und dabei sei sie tödlich verunglückt. Es kommt zum Bruch mit dem Vater, und nach einem heftigen Streit verläßt Lara endgültig das elterliche Haus und geht zurück nach Berlin. Sie nimmt an der Aufnahmeprüfung zum Musikkonservatorium teil.

Beim Vorspielen taucht unvermutet der Vater im Auditorium auf und signalisiert, daß er sich mit seiner Tochter aussöhnen und versuchen will, ihre Welt der Musik zu verstehen. "Es gibt einen Unterschied zwischen Hören und Verstehen", sagt er ihr in der Sprache seiner Hände. Und Lara begreift, daß es einen Weg geben wird, ihre beiden Welten miteinander in Einklang zu bringen.

Zur Verwendung

‘JENSEITS DER STILLE’ verknüpft die den meisten Zusehern fremde Welt der Taubstummen mit den typischen Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Dabei gelingt es der Regisseurin Caroline Link, die Geschichte einer außergewöhnlichen Kindheit feinfühlig in der Darstellung der Figuren und in einer geglückten Mischung von atmosphärisch stimmigen Bildern und gefühlvoller Musik zu erzählen.

‘JENSEITS DER STILLE’ ist ein stiller Film mit Beobachtungen, Gesten und Blicken aus dem alltäglichen Leben. Mit feinsinnigem Humor schildert er anhand einer Vater-Tochter-Beziehung den Prozeß der Selbstfindung und des Erwachsenwerdens.

‘JENSEITS DER STILLE’ ist kein Problemfilm über die Welt der Gehörlosen, aber er bringt dem Zuschauer diese Welt näher, weckt Verständnis, allein schon durch die Sprache der Hände, der zuzusehen eine wahre Freude ist.

‘JENSEITS DER STILLE’ ist ein wunderbarer Film, ein Plädoyer für die Überwindung von Hindernissen, die Menschen, die einander lieben, trennen können, ein Plädoyer für die Offenheit, sich auf fremde Erfahrungswelten einzulassen. Er verschweigt nicht den Konflikt und den Schmerz, wie er beispielsweise in Martins alptraumhaften Erinnerungen deutlich wird, aber er findet auch anrührende Bilder der Harmonie und Begegnung.

Etwa ab einem Einsatzalter von 10 Jahren (bei behutsamer Einführung in die Thematik durch eine Lehrkraft ist auch ein früheres Einsatzalter denkbar) ist ‘JENSEITS DER STILLE’ ein äußerst sehenswerter Film für jung wie alt.

©