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- Jugend in Deutschland
I.
- Die Jugend kann man nicht leicht analysieren. So kamen Forscher
1999 zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Die einen sprechen
von der Generation @": für sie werden die deutschen
Jugendlichen immer egoistischer, einsamer und aggressiver. Die
anderen finden die heutigen jungen Deutschen fast unheimlich
normal" und ziemlich realistisch.
- Durchschnittliche Sechzehnjährige gehen von 8.00 - 14.00
Uhr zur Schule. Sechs Stunden Freizeit sind das eigentliche Reich
der Freiheit. Das Zuhause ist der Mittelpunkt. Für die meisten
von ihnen ist die Familie sehr wichtig. Gegenüber den 80er
Jahren hat deren Bedeutung deutlich zugenommen. Aber mehr als
20% können sich bei Vater und/oder Mutter nicht geborgen
fühlen.
- Die persönlichen Kontakte sind für alle Jugendlichen
von großer Bedeutung. Geschwister werden sehr hoch geschätzt.
Den älteren Jugendlichen bedeutet das Zusammensein mit Freunden
am meisten. Das Wichtigste für ihre Freizeit ist deswegen
auch Freunde treffen".
- In den Befragungen zeigt sich eine Sehnsucht der 14 - 18jährigen
nach heilen" engen Beziehungen, da sie die Realitäten
gut kennen: Es gibt immer weniger komplette und dauerhafte Familien.
Nur wenige Großeltern leben noch mit im selben Haushalt
(1%), Geschwister gibt es immer seltener, und mehr als jede dritte
Ehe wird in Deutschland geschieden. Die jungen Leute wissen auch,
wieviel Einsamkeit Walkman, TV, PC und Internet bedeuten können.
- Forscher beobachten an den Jugendlichen gegensätzliche
Tendenzen: Einerseits sind sie - geistig und intellektuell -
frühreif". Andererseits sind sie - im Gegensatz
zu den 70er/80er Jahren - Nesthocker", die möglichst
lange im Hotel Mama" wohnen bleiben wollen.
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- II.
- Die deutschen Jugendlichen geben folgende Prioritäten
für ihre Freizeit an:
- 1. Freunde treffen
- 2. Musik hören
- 3. Sport
- 4. Fernsehen
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- Dabei gibt es Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen:
während Mädchen viel mehr lesen, Musik hören und
sich mit Freundinnen treffen, treiben Jungen mehr Sport.
- Am wichtigsten ist es, mit der Jungenclique oder den Freundinnen
zusammen zu sein. Das unorganisierte Sich-Treffen auf der Straße,
im Café, in der Disco... ist wichtiger, als sich in Vereinen
oder Organisationen zu begegnen.
- Liebe und Partnerschaft stellen sich die heutigen Jugendlichen
eher traditioneller vor als noch vor 20 Jahren. Erste sexuelle
Erfahrungen haben sie dagegen heute erheblich früher, durchschnittlich
zwischen 15 und 16.
- Die Musik-Kultur wird immer differenzierter: Die deutschen
Jugendlichen bevorzugen sehr unterschiedliche Gruppen und Stile.
Zwar treffen sich jährlich über 1Mio Techno-Fans auf
der Love-Parade" in Berlin, aber viel mehr Jugendliche
lehnen Techno ab, Hip-Hop hat ebenso seine Anhänger wie
Rock und Pop. Wenn auch deutschsprachige Musiktitel in den 90ern
immer beliebter geworden sind, finden die meisten Teenager doch
internationale Songs viel interessanter. Allerdings gibt es seit
den Backstreet-Boys keine Megastars mehr, die den Trend bestimmen.
- Auch die Sportszene ist bei den jungen Menschen in Deutschland
immer vielfältiger geworden. Anfang der 90er Jahre verlor
Fußball für eine gewisse Zeit die dominierende Rolle
gegenüber Basketball. Jetzt kommen andere Trendsportarten/Funsport
hinzu. Auch hier bestehen in ihren Vorlieben Unterschiede zwischen
Mädchen und Jungen. Immer geringer wird das Engagement im
- für die Deutschen so typischen - Turn- oder Sportverein.
- Auch als Fernseh-Sport ist Fußball am interessantesten.
- Neuerdings finden nachmittägliche Talkshows (zum Entspannen/"Abhängen"
nach der Schule) größtes Interesse bei den Jugendlichen.
In diesen Shows wird meistens sehr heftig über Beziehungsprobleme
gestritten. Außerdem sind die Jugend-"Soaps"
im frühen Abend-Programm beliebt, z.B. Gute Zeiten,
schlechte Zeiten" (6 Mio bei RTL). Fern gesehen wird im
Durchschnitt 2 - 3, an Wochenenden 4 - 5 Stunden pro Tag.
- Die jungen Deutschen nutzen die Medien ähnlich wie die
älteren. CDs hören, Videofilme sehen und sich am Computer
beschäftigen sind eher Sache der Jugendlichen. Die Erwachsenen
dagegen lesen mehr Zeitung und Zeitschriften. Trotzdem sitzen
die deutschen Jugendlichen aber deutlich weniger vor dem PC als
z.B. die skandinavischen. Nur 10% nutzen das Internet regelmäßig,
und die meisten schalten ihren Computer durchschnittlich nur
½ - 1 Stunde täglich ein.
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- III.
- Die Jugendlichen in Deutschland kann man als genießerisch
und materiell eingestellt bezeichnen; sie orientieren sich an
ihren persönlichen Glücksvorstellungen und (vorgegebenen)
modischen Äußerlichkeiten: Markenkleidung gehört
ebenso dazu wie regelmäßige Reisen an südliche
Strände und das Party-Leben im sonnigen Ausland. Das Geld
dafür bekommen sie als Taschengeld von ihren Eltern (16jährige
ca 150 DM pro Monat) oder als Geldgeschenke zu Weihnachten, zum
Geburtstag oder zum Ferienanfang /Schulabschluß. Nur ca
30% jobben neben der Schule.
- Ein Drittel der Teenager raucht schon, und immer früher
trinken sie Alkohol (10% der 15jährigen trinken täglich
Bier, Wein oder Schnaps). Das Kiffen" (Haschisch)
ist unter älteren Jugendlichen weit verbreitet, während
die Einnahme harter Drogen zurückgegangen ist.
- Soziale Sprengkraft hat die Tatsache, dass 30% der Jugendlichen
den Trends finanziell nicht folgen kann, in ihrer Szene also
nicht mehr in" sind. Zwar ist jeder dritte der Ladendiebe
jünger als 18 Jahre, aber eine kriminelle Energie kann man
den Jugendlichen wohl kaum zuschreiben. Klein ist auch die Gruppe
der Jugendlichen, die Probleme mit Gewalt hat, aktiv oder passiv.
- Während in den 70er/80er Jahren die Sorge der jungen
Menschen dem Frieden und dem ökologischen Überleben
galt, ist die Hauptsorge der Jugendlichen heute die um Arbeitsplätze
(Lehrstellen/Studienplätze) und Angst vor Arbeitslosigkeit.
Dabei ist ihr größtes Problem, ihren relativ hohen
Lebensstandard dann nicht halten zu können.
- Das direkte politische Engagement ist ziemlich gering geworden.
Mehr Vertrauen als in die politischen Parteien haben sie in Organisationen
wie Greenpeace, Amnesty International oder örtliche Bürgerinitiativen.
- Bei Umfragen zum Kosovo-Krieg konnte man feststellen, dass
die Jugendlichen eine deutliche Distanz zu militärischer
Konfliktlösung haben. Mädchen zeigten sich pazifistischer
als Jungen.
- Nationale Symbolik wird weitgehend abgelehnt. Rechtsextreme
Einstellungen, die über längere Zeit anhalten, findet
man überwiegend in sozialen Brennpunkten mit hoher Arbeitslosigkeit,
und sie sind nur bei einer Minderheit der jungen Leute vorhanden.
Das multikulturelle Gesicht Deutschlands (über 20% der Schüler
sind ausländischer Herkunft) ist ihnen selbstverständlich.
Religiöse Leitideen spielen kaum eine Rolle, nur 17% der
Jugendlichen gehen ab und zu in die Kirche. Vorbilder sind überhaupt
out".
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- Die deutschen Jugendlichen sind schwer auf einen Nenner zu
bringen: die 13/14jährigen unterscheiden sich von den 17/18jährigen,
Mädchen von Jungen, Ostdeutsche von Westdeutschen. Gemeinsam
ist ihnen, dass sie ohne Illusionen in die Zukunft blicken, realistischer,
in mancher Hinsicht kritischer als die Jugend noch vor 20 Jahren.
Sie sind skeptisch gegenüber gesellschaftlichen Utopien
und eher optimistisch, was ihre persönlichen Lebensperspektiven
betrifft.
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- © Franz Dwertmann