Friedrich Christian Delius
Brief an die Schülerinnen und Schüler in Dänemark, die einen kleinen Spaziergang vor sich haben
Jeder von uns wünscht sich Abenteuer. Manchmal überrascht
uns ein Abenteuer, wenn wir es am wenigsten erwarten. Vielleicht
die schönsten Abenteuer bietet das Lesen, manche fangen sogar
beim Zeitunglesen an.
An einem kalten, verregneten Samstag auf der Insel Rügen
las ich die Ostsee-Zeitung. Es war Ostern 1992, zweieinhalb
Jahre nach dem Fall der Mauer in Berlin, anderthalb Jahre nach
der Vereinigung der beiden deutschen Staaten. In dieser Zeit fuhr
ich häufig in die neuen Länder, wie man
im Westen überheblich sagte.
Wegen des schlechten Wetters nahm ich mir viel Zeit bei der Lektüre.
Ich entdeckte eine kleine Reportage über einen Mann, dem
im Jahr 1988, also ein Jahr vor dem Fall der Mauer, eine spektakuläre
Flucht über die Ostsee nach Dänemark und eine Reise
nach Italien gelungen war. Die Geschichte faszinierte mich vom
ersten Augenblick an, ich nahm die Zeitungsseite mit nach Berlin
und las sie immer wieder.
Das besondere an dieser Geschichte: sie ist keine übliche
Fluchtgeschichte. Dieser Mann wollte die DDR nicht für immer
verlassen. Er wollte nur einmal eine große, wunderbare Reise
machen und dann in die DDR zurückkehren. Ungewöhnlich
war auch, daß er sich an einem literarischen Vorbild orientierte,
an dem Buch Spaziergang nach Syrakus im Jahr 1802
von Johann Gottfried Seume.
Der Held dieser Geschichte tut etwas, wovon sicher fast alle Schüler
träumen: aus dem gewohnten Trott fliehen, den starren Regeln
und Gesetzen der Autoritäten entkommen, ein Traumziel erreichen.
Aber vergeßt nicht: Dieser Mann bereitete sieben Jahre lang
sein großes Ding vor - und sprach sieben Jahre
lang mit keinem Menschen darüber.
Das Abenteuer des Spaziergangs wurde auch mein
Abenteuer. Dem Mann, den ich später Paul Gompitz nannte,
war etwas Unmögliches mit viel List und Tücke und Geduld
gelungen. Im Westen wurde nie voll verstanden, was es hieß,
im eigenen Land eingesperrt zu sein und nicht ins Ausland reisen
zu dürfen. Hier kann man diese Lektion nachholen und dabei
noch mit der wunderbaren Geschichte eines listigen Außenseiters
unterhalten werden. Mehr und mehr dachte ich: diese Geschichte
muß einmal ausführlich erzählt werden. Aber warum
von mir, einem Autor aus dem Westen? Gerade darin, dachte ich,
besteht mein Abenteuer. Es ist eigentlich unmöglich - und
genau darum muß es versucht werden.
Erst anderthalb Jahre nach der Entdeckung, als ich das Buch Der
Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde abgeschlossen und
den Kopf frei hatte, schrieb ich an den Mann. Es war leicht, seine
Adresse ausfindig zu machen. Er lebte immer noch in Rostock. Wir
trafen uns. Er war erfreut, endlich jemanden kennenzulernen, der
sich für seine Geschichte interessierte. Nachdem wir uns
über die finanziellen Fragen geeinigt hatten (er bekommt
ein Viertel des Honorars der verkauften Bücher), begann er
zu erzählen.
Ich nahm alles auf Band auf, fragte nach, ließ mir manches
erklären. Später bat ich ihn, die Geschichte ein zweites
Mal zu erzählen. Die Bänder von etwa fünfzehn Stunden
schrieb ich z.T. selbst ab, z.T. ließ ich sie abschreiben.
Dann begann die Schreibarbeit, die Verdichtung. Es wurde mehr
Arbeit, als ich erwartet hatte. Mal mußte ich dem Helden
Paul Gompitz sehr nahe sein, mal ihn auf Distanz halten. Mal galt
es, die witzigen Einzelheiten auszumalen, und dann wieder, besonders
im Italienteil, viel zu raffen. Nach vier oder fünf gründlichen
Überarbeitungen konnte das Buch dann im Herbst 1995 erscheinen.
Es ist ein ziemlich erfolgreiches Buch geworden.
Paul Gompitz hat sein Abenteuer bestanden. Ich hab mein Schreib-Abenteuer
auch überstanden. Und ich wünsche Euch ein gutes, vergnügliches
und nicht allzu anstrengendes Lese-Abenteuer.