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Patrouillendienste
Anfang der achtziger Jahre erreichen erste Berichte über
die Heldentaten von US-Hackern Deutschland. Für "das
Revolutionärste, was es zur Zeit gibt", hält der
Maler und Bildhauer Robert Rauschenberg die Hacker. "Viel
mehr als in der Musik oder in der Kunst oder in der Schreiberei
oder im Filmemachen, denke ich, dass die Zukunft bei den Computer-Hackern
liegt. Das ist die wirklich subversive Tätigkeit! Ich wüsste
zu gerne, wie das geht, es ist wunderbar!"
John T. Draper wird zu einem Vorbild der noch jungen Szene. Sein
Pseudonym Captain Crunch hat Draper einer Cornflakes-Marke
entlehnt. Er saß irgendwann beim Frühstück, blies
auf einer Kinderpfeife, die der Packung beigelegt war, und bemerkte,
dass er mit dieser Pfeife kostenlose Ferngespräche führen
konnte. Die Spielzeugpfeife hatte genau die richtige Frequenz,
um den Gebührenzähler in der Vermittlungsstelle abzuschalten.
Von diesem Augenblick an konnte Draper zum Nulltarif um die ganze
Welt telefonieren. Er hat den Hörer abgehoben, auf seiner
Pfeife geblasen und sich dann um die ganze Welt verbinden lassen,
bis zum Apparat im Nebenzimmer, auf dem er sich dann mit leichter
Zeitverzögerung hören konnte.
Captain Crunch arbeitet mittlerweile für eine große
Telefongesellschaft. Sein Werdegang nach dem Motto: "Hacke
das System, hinterlasse eine Spur, werde ein bisschen berühmt
und lass dich von den Bossen entdecken" ist längst
zum Mythos geworden.
Richard Cheshire ist die zweite große Hackerlegende
aus den USA. Auch sein Name ist ein Pseudonym, hergeleitet von
einer Figur aus dem Roman Alice im Wunderland. Er
gab Anfang der achtziger Jahre das Hacker-Infoblatt TAP
heraus, in dem er seinen Freunden Tipps gab, wie man kostenlos
telefonierte. In einem Spiegel-Interview aus dem
Jahr 1983 sagt Cheshire: "Wir sind eine ganz kleine seriöse
amerikanische Firma. Wir schreiben nur, was die Kids nicht tun
sollen, und zwar ganz detailliert. Ihr sollt nicht einen
2,4 Kilo-Ohm-Widerstand parallel schalten mit einem 0,3 Mikrofarad-Kondensator
und es in dieser Form an die Telefonleitung anschließen.
Das wäre nicht erlaubt."
Während die Behörden noch darüber nachdenken,
ob sich hierzulande überhaupt eine solche Szene entwickeln
könnte, findet Anfang 1984 im Hamburger Buchladen Schwarzmarkt
die Gründungsversammlung des Chaos Computer Clubs statt.
Im Grundsatzprogramm des CCC heißt es: "Wir fordern
die Verwirklichung des neuen Menschenrechts auf zumindest weltweiten
freien, unbehinderten und nicht kontrollierbaren Informationsaustausch
unter ausnahmslos allen Menschen und anderen intelligenten Lebewesen."
"Patrouillendienste am Rande der Unkenntlichkeit" will
der CCC leisten. Die Öffentlichkeit soll auf die Problematik
des Datenschutzes aufmerksam gemacht werden, sagen Gründungsmitglieder
Wau Holland und Steffen Wérnery. "Wir haben es in
Deutschland - im Vergleich zu andern Ländern - geschafft,
dass Hacker nicht schon von vornherein nur negativ in der Presse
dargestellt werden. Wir sind immer offensiv freundlich aufgetreten,
haben gesagt, die Hacker zeigen Schwachstellen im Sicherheitsbereich
auf, machen nebenher vielleicht ein bisschen Quatsch, aber abgesehen
davon sind sie ja ganz sympathische Jungs, die freundlichen Hacker
von nebenan."
In der ersten Ausgabe der CCC-Publikation Datenschleuder,
heißt es: "Computer sind Spiel-, Werk- und Denkzeug;
vor allem aber: das wichtigste neue Medium. Wir stinken
an gegen die Angst- und Verdummungspolitik in Bezug auf Computer
sowie die Zensurnahmen von internationalen Konzernen, Postmonopolen
und Regierungen."
Die Hacker der ersten Stunde handeln gemäß den
Grundsätzen der Hacker-Ethik, die US-Autor Steven Levy als
Erster in seinem Buch Hackers formuliert hat: "1.
Zugriff auf Computer und alles Wissen, was dir hilft, Vorgänge
auf der Welt zu verstehen, muss uneingeschränkt und umfassend
sein. Das Prinzip des Mitmachens gilt überall.
2. Alle Informationen sollen gratis sein.
3. Misstraue Autoritäten - fördere Dezentralisierung.
4. Beurteile Hacker nach ihrem Handeln, nicht nach überholen
Kriterien wie Diplomen, Alter, Rasse oder Stellung"
Karl schreibt in seinem Lebenslauf: "Ich lebte unter
strenger Abkapselung von meiner Umwelt und meinem Freundeskreis
bis auf ein paar Ausnahmen. Mit tage- und nächtelangen Hacksessions
und kommunizierte meist nur noch mit Hilfe des Computers, dieses
aber in großem Ausmaß. Mit stundenlangen Dialogen
mit Studenten und Computerspezialisten. Täglich rauchte
ich etwa ein Gramm Haschisch und nahm gelegentlich Speed und
selten LSD-Trips.
Ich widme meine Zeit nur noch dem Computer. Aus den USA schwappte
eine Welle von Berichten über Computerpiraten herüber.
Für mich stand fest, ich würde von nun an unter dem
Pseudonym Hagbard Celine in der europäischen
Hackerszene aktiv werden. Schon kurze Zeit später gründete
ich mit ein paar Freunden einen Computerstammtisch, als Ableger
vom Chaos Computer Club Hamburg. Meine bundesweiten Kontakte,
die sich schnell ergaben, standen unter dem Motto: Ein
Hacker ist keiner, wenn die Telefonrechnung höher als 50
DM oder weniger als 1000 DM beträgt.
Autodidaktisch erlernte ich schnell den Umgang mit Großrechenanlagen,
die ich via Telefonleitung anzapfte, und wurde bald in den Rängen
der Hackerelite aufgenommen."
Karl beschreibt in einem Text, wie es einem Hacker nach einer
langen Hack-Nacht gelingt, an einen der Zentralpunkte des Star-Wars-Projektes
zu gelangen und dort einen großen Rechner zu knacken: "Er
schafft es, dieses Monstrum zu entjungfern und entdeckt
dann eine seltsame Mitteilung in dem fremden Rechner. Das Paradies,
es schwebte in goldenen Lettern über seinem Bildschirm,
bot man ihm doch dort an, was er sich schon immer erträumte.
Er würde Systemmanager werden, auf einer von tausend VAX
8800, er würde sich alles aussuchen können, hätte
das perfekte Leben. Vorbei die Zeit der trockenen Kekse vom Kiosk,
nie wieder jeden Tag nur Cola. Er würde arbeiten können,
was er wollte, hätte ein großes Auto, und er könnte
den Spezialisten auf die Finger sehen. Und dazu dieses Gehalt,
diese steuerlichen Vergünstigungen, er könnte auf Kur
gehen, um sich von den langen Nächten zu erholen, wäre
Privatpatient, hätte eigene Psychologen und Psychiater -
und er würde nie wieder mit so ungebildeten Schwachköpfen
zu tun haben müssen, die meinen, Computer seien gefährlich.
Er könnte jeden Tag von morgens bis abends mit Leuten seines
Standes in kompliziertester Weise fachsimpeln, ohne dieses unsinnige
Genöle der Unwissenden. Und - vielleicht - tja vielleicht
würde er ja dann auch die Frau seiner Träume treffen,
die dazu noch Computerspezialistin ist ... "
Urmel
Im Bistro Casa treffen sich die Mitglieder von
Karls Hackerrunde zum regelmäßigen Erfahrungsaustausch.
Wegen der damaligen Postleitzahl Hannovers heißt die Gruppe
Leitstelle 511. Im Casa begegnet Karl auch zum ersten
Mal einem 28-jährigen Programmierer, der sich Urmel nennt.
Er ist Mitglied der Jungen Union, ein unauffälliger, ruhiger
Typ, der in geordneten Verhältnissen lebt. Urmel besitzt
große Kenntnisse über Computer und Software. Karl
hat vom Programmieren keine Ahnung, er interessiert sich auch
nicht dafür. Trotzdem halten ihn bald viele für einen
begnadeten Hacker. Das muss kein Widerspruch sein, denn Karl
hat Phantasie und sehr viel Geduld.
Urmel sagt: "Für mich war Karl der hoch stehende Superhacker
aus Hannover, und so wurde er auch von allen gehandelt. Er wusste,
in welchen Netzwerken man wo hinkommt in dieser Welt. Er hat
sich immer bedeckt gehalten. Man musste ihm was im Austausch
geben. So war das bei den Hackern: Geh ich dir Information, gibst
du mir Information"
Wir treffen Urmel im Cafe Metropol am Weißekreuzplatz
in Hannovers Innenstadt. Sein markantestes Merkmal ist vielleicht
seine Unauffälligkeit. Als der vollschlanke Mann im beigen
Trenchcoat durch die Tür tritt, würde niemand auf die
Idee kommen, dass er mehrere Hausdurchsuchungen hinter sich hat
und wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit vor Gericht
stand. Urmel sieht sich nach uns um, begrüßt uns höflich.
Er ist der einzige Gesprächspartner, mit dem wir beim "Sie"
bleiben. Sein freundliches Lächeln, seine zuvorkommende
Art - Urmel könnte Bankangestellter oder Unternehmensberater
sein. Sein seriöses Auftreten hat ihm damals geholfen, den
Weg in ein normales Leben zurückzufinden. Er hat immer noch
mit Computern zu tun, arbeitet in einer kleinen Hannoveraner
Firma als Programmierer.
Hagbard und Urmel haben sich damals nicht viel Gedanken über
die Konsequenzen ihrer Einbrüche gemacht: "Wir wollten
in fremde Rechner rein und dabei unseren Spaß haben. Sonst
war da nichts. Wenn wir in den Rechner reinwollten, wollten wir
da rein. Das war schon ein sehr zielstrebiges, schnelles Vorgehen."
Für die betroffenen Firmen entstanden Kosten und jede Menge
Ärger, aber noch war das Ganze nicht strafbar. Damals war
Hacken vor allem eine sportliche Herausforderung, die von der
Öffentlichkeit mit gewisser Sympathie verfolgt wurde.
Bei einem Hack ins Kernforschungszentrum Fermilab
in Chicago ist Hagbard in vorderster Front dabei. Der dortige
Netzwerkmanager versucht, Hagbard und andere mit Hilfe des FBI,
des BKA und der Bundespost dingfest zu machen. Wegen der schlechten
Beweislage und der noch fehlenden Gesetzesgrundlage bleibt der
Einbruch jedoch ohne Konsequenzen für die Beteiligten. Auch
die Optimis-Datenbank im Pentagon ist damals, genau
wie heute, ein beliebtes Ziel für Hacker. Urmel: "Unser
erster Pentagon-Einbruch lief über das University College
of London. Die Amis haben das bis dahin zurückverfolgt,
und dort in London wurde der Rechner dann für eine Woche
abgeschaltet, aber bis zu uns führte die Spur nicht. Vor
einer Sache hatte sogar Karl damals Respekt: In NORAD* einzusteigen,
so wie das in dem Film War Games gezeigt wird, das
war eigentlich das gemeinsame Ziel von Koch und mir gewesen.
Koch hatte dann eines Tages auch den Zugang entdeckt." Urmel
erzählt, dass sie zunächst einmal furchtbar Schiss
bekommen haben. "Wir loggen uns da nicht ein, sonst gehen
garantiert irgendwo rote Lichter an. "
* Network Organization for Research and Developement:
Kontrollzentrum für strategische Luftabwehr der USA
© Aus: Hans-Christian Schmid
-Michael Gutmann: 23 - Die Geschichte des Hackers Karl Koch (dtv
1690, München 1999) |